Bürgermeister Christian Schiller im Jahresgespräch

Kategorie: Aktuelles

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Herrschings Erster Bürgermeister Christian Schiller (re.) erzählt im Gespräch mit IKOS Verlagsleiter Heiko Schmidt über das vergangene (Corona)Jahr und gibt einen Ausblick über 2021

Rückblick auf ein eigentümliches Jahr

Eines ist klar: das Jahr 2020 wird in die Geschichte eingehen. Als Krisenjahr. Als Jahr der weltweiten Pandemie, in dem ein winzig kleiner Virus mit dem Namen Corona die Welt auf den Kopf gestellt hat. Auf die Frage, mit welchem Begriff er die Erfahrung aus 2020 zusammenfassen würde, meinte Bürgermeister Christian Schiller: „Eine hochspannende Neuerfahrung!“ Auf vieles davon hätte er – wie wir alle – wohl sehr gerne verzichtet. Aber es gab da ja auch noch andere Aspekte und Geschehnisse in diesem Jahr. Der lange Wahlkampf, die mit Spannung erwarteten Kommunalwahlen, der neue Gemeinderat, die Bürgerbegehren zum Gymnasium, und ja: das ganz normale Leben. „Insgesamt blicke ich auf ein sehr erfolgreiches Jahr zurück“, urteilt er daher auch nachdenklich im Gespräch mit Heiko Schmidt und Journalistin Barbara Geiling vom IKOS Verlag. Wenn halt da nicht die vielen negativen Begleiterscheinungen von Corona wären.

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Herrschinger Spiegel (HS): Hinter uns liegen ein Weihnachten und Silvester, das viele von uns in einem sehr ungewöhnlichen Rahmen verbracht haben. Wie war es bei Ihnen? Wie empfanden Sie es?

Christian Schiller: Viel, viel ruhiger! Sowohl beruflich als auch privat. Da die Gemeindeverwaltung schon eine Woche vor Weihnachten ihren Betrieb herunterfahren musste, wurde es in der staden Zeit wirklich still. Auch wir haben nur im engsten Familienkreis gefeiert und nicht wie sonst üblich ab 22.00 Uhr das Haus für Gäste geöffnet. Gleiches auch an Silvester.

Haben Sie auch hier eine Vorbildfunktion?

Ja, mit Sicherheit. Wir werden auch bei Spaziergängen mit der Familie zuweilen gefragt, ob denn wirklich alle aus einem Hausstand sind.

2020 in einem Begriff?

Hochspannende Neuerfahrung! Und ein bisschen ausführlicher? In Anbetracht von Wahlkampf, Wiederwahl, Gymnasium, Corona … Reflektierend würde ich sagen: Ohne Corona war 2020 der Hyper-Renner! Nie hätte ich mir ein so deutliches Ergebnis bei der ­Wiederwahl erträumt, ich war wirklich überwältigt und habe mich sehr gefreut! Die andere Seite: am Tag vor der Wahl hatte der Landrat Roth zu einem Gespräch der Bürgermeister zu den Corona-Maßnahmen geladen und bei diesem Treffen wurde plötzlich jedem so richtig klar, was da auf uns zu kommt. Der Bürgerentscheid zum Gymnasium: Dass die Entscheidung des Gerichts so klar und eindeutig ausfiel, war ein großer Erfolg für die Gemeinde und vor allem für unsere Kinder. Auch hier hatte sich die Entscheidung durch Corona etwas verzögert, aber mit dem Gerichtsentscheid ist Ruhe eingekehrt. Wobei diese Geschichte die Gemeinde insgesamt rund 70.000 Euro gekostet hat.

Wenn Sie in die Zukunft blicken – was wird von Corona zurückbleiben? Grundsätzlich: wird sich vermutlich unser Verhalten ändern. Es wird wahrscheinlich noch lange dauern, bis man unbeschwert wieder an Orte geht, wo viele Menschen sind. Soll man das Risiko in Kauf nehmen? Diese Frage werden sich viele stellen. Und damit wird es auch nachhaltige Auswirkungen auf den Gastro- und Veranstaltungsbetrieb haben. Vielleicht wird sich wieder eine Normalität einstellen, wenn wir eine hohe Anzahl von Geimpften erreicht haben. Aber auch für viele andere Wirtschaftszweige wird gelten: wer wird diese Krise überstehen? Die Förderungen vom Bund sind viel zu langsam und zu umständlich! Wir motivieren die Leute so gut es geht dazu, hier im Ort zu kaufen. Bei den hiesigen Läden zu bestellen und hier ihr Essen zu beziehen. Hoffnung ruht auch auf dem Sommer, wenn wieder die Touristen kommen. Aber ob das für viele Geschäfte zum Überleben reicht, ist fraglich. Es ist wirklich von entscheidender Bedeutung die Menschen dafür zu sensibilisieren, in der Gemeinde einzukaufen. Wir müssen unsere Geschäfte unterstützen, um die vorhandene Versorgungsvielfalt zu erhalten.

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Wen trifft es besonders? Vereine, Gastronomie, Einzelhandel?

Bei den Vereinen tut es mir sehr leid, dass sie das Vereinsleben und das soziale Miteinander nicht pflegen können! Wenn ich noch daran denke, wie lange und intensiv wir über den besten Zeitpunkt für den Austausch vom Hallenboden in der Nikolaushalle nachgedacht hatten. Wann fällt möglichst wenig Training aus usw.? Und dann: der Hallenboden war fertig und die Laienmannschaften durften nicht mehr trainieren. Da ärgern sich auch manche darüber, dass nur noch die Profisportler weitermachen dürfen. Unsere Einzelhändler versuchen mit viel Kreativität und Engagement, ihre Kunden trotz der Einschränkungen zu bedienen und ihr Geschäft dadurch zu retten. Sehr viele bieten ihre Ware über Internet und allen Socialmedia-Kanälen an und das jeden Tag aufs Neue! Unsere Gas­tronomen wünschen sich sicher, dass noch mehr Bürger ihr Essen-to-go bei ihnen bestellen. Auf unsere Gastronomen können sich auch unsere Vereine immer zwecks Unterstützung verlassen. Jetzt brauchen unsere Gaststätten und Restaurants unsere Unterstützung! Was mich persönlich etwas betrübt und auch viele Bürger immer wieder zu entsprechenden Mitteilungen ins Rathaus bewegt, ist das Verhalten und die dauernde Suche nach Schlupflöchern einiger Personen und Gruppen. Die Regeln zum Infektionsschutz sind allen bekannt, aber zu jedem Zeitpunkt gab es immer welche, die einen Sonderweg und die Ausnahme gesucht haben. Wir wollen alle unsere alten Gewohnheiten und Annehmlichkeiten des unbeschwerten Lebens so schnell wie möglich zurück. Ganz klar! Aber einige haben den Ernst der Lage einfach noch nicht begriffen. Gerade am Anfang der Pandemie war es ganz schlimm – jetzt wird es besser.

Was ist besonders schmerzlich?

Bei den verstorbenen Herrschingern bekommen wir nicht immer die Information, ob Corona die Todesursache war. Deshalb können wir nicht die absolute Zahl der Covid19-Toten nennen. Aber ich kenne persönlich inzwischen einige davon. Ich weiß, wie einsam sie teilweise gestorben sind und wie bitter es für die Angehörigen ist. Und deswegen: Ich habe überhaupt kein Verständnis für die Corona-Leugner und mir ist jede nachvollziehbare Maßnahme recht, wenn es darum geht, Menschenleben zu retten!

Konnte man auch etwas aus der Situation lernen?

Ja, auf jeden Fall! Welche Beeinträchtigungen hier für die Bevölkerung auf der ganzen Welt einhergingen, hat mittlerweile jeder mitbekommen. Der Eindruck dieser Pandemie wird uns in die Zukunft begleiten und ich hoffe, dass wir uns alle deswegen doch ein wenig auf die wirklich wichtigen Dinge des Lebens zurückbesinnen können. Gleichzeitig ist uns in Deutschland, Bayern und vor allem hier in Herrsching klar geworden, wie gut es uns hier geht und in welchem Paradies wir hier leben. Das hat uns doch diese Pandemie wieder deutlich vor Augen geführt!

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Seit dem Frühling tagt ein neugewählter Gemeinderat, der noch zu keiner Zeit ohne Pandemie-Einschränkungen zusammenkam. Wie läuft hier die Zusammenarbeit?

Ja, wir haben 10 neue Gemeinderäte dazubekommen, die alle zusammen sehr engagiert mitarbeiten. Wirklich schade aber ist, dass wir noch nicht richtig zusammenwachsen konnten. Normal fahren wir ein Wochenende gemeinsam weg und lernen uns bei einer Klausur erst einmal besser kennen – das musste diesmal leider ausfallen. Das Informelle fehlt und das soziale Miteinander sowieso! Nie können wir nach den Sitzungen einfach mal zusammen etwas trinken gehen, was ungemein hilft, Spannungen abzubauen und Ideen zu entwickeln. Dann ist jede einzelne Sitzung mit einem riesigen Aufwand verbunden, bis in der Turnhalle die ganze Technik etc. steht. Und: hinter den Masken geht ein wichtiger Teil der Kommunikation verloren, wenn man die Mimik nicht sehen kann.

Viele Themen werden durch Corona an den Rand gedrückt. Auch um die Fridays for Future-Bewegung ist es ruhig geworden. Welche umweltpolitischen Themen sind für Herrsching geplant?

Ja, auch 2021 sind umweltpolitische Aktivitäten fest im Haushaltsplan verankert und werden weiterverfolgt. So wurde zum Beispiel das kommunale Energieförderprogramm wieder sehr gut ausgestattet und hinsichtlich des Verkehrskonzepts wird der Radverkehr auch im neuen Jahr weiter gestärkt.

Und andere kommunalen Ziele bzw. Aufgaben?

Da ist zum einen das Gemeindehaus in Widdersberg, für das 1,2 Mio. im Haushalt eingestellt sind und das eventuell bereits 2021 fertiggestellt werden kann. In Arbeit ist auch die neue Obdachlosenunterkunft im Gewerbegebiet. Danach können wir die alte Unterkunft, das sog. Hurle-Haus am Schulgelände, abreißen und deren Flächen der Schule zur Verfügung stellen. Ein wichtiges Projekt ist auch die Schaffung bezahlbaren Wohnraums. Dies haben wir auf der gemeindlichen Fläche bei der Nikolauskirche vorgesehen. Wir erwarten hier umfangreiche Fördermittel von ca. 1/3 der Gesamtkosten. Für dieses Projekt sollen dieses Jahr die Planungen weitergeführt werden. Den Bau des neuen Kindergartens am Fendlbach werden wir auch vorantreiben, da der Mietvertrag des Kindergartens Kunterbunt 2024 ausläuft und er bis dahin eine neue Heimat braucht. Für das Gymnasium wird in diesem Jahr der Bebauungsplan fertiggestellt und auch die Straßenarbeiten an der Mühlfelder Straße werden im Sommer starten. Wir sind da im Zeitplan.

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Was sagt die Kämmerin zu den Plänen? Wie beurteilt sie die aktuelle Finanzlage der Gemeinde?

Bis Ende des Jahres 2020 war ­Myriam Goodwin noch relativ optimistisch. Vom Bund wurde eine Ausgleichszahlung der Gewerbesteuer über 1 Mio. Euro gewährleistet, um die Mindereinnahmen ungefähr auszugleichen (gerechnet über das arithmetische Mittel der letzten 3 Jahre). Für 2020 waren 7,7 Mio. an Gewerbesteuer geplant – eingenommen wurden 6,28 Mio. Bei der Einkommenssteuer waren 8 Mio. angesetzt und es gingen 8,2 Mio. ein. Für 2021 planen wir mit 7,2 Mio. Gewerbesteuer und 8,5 Mio. Einkommenssteuer. Aber wir müssen hier noch abwarten. Die Experten befürchten ja, dass die mageren Jahre erst noch mit Verzögerung kommen werden. 2020 war das erste Jahr in Ihrer Amtszeit ohne Bürgerversammlung.

Wie sehen die Planungen für 2021 aus – und kann mit einem Jahresempfang gerechnet werden?

In diesem Jahr sollte es m. E. unbedingt wieder eine Bürgerversammlung geben. Für mich sind sie das Salz in der Suppe, auch wenn jeder Bürger viele weitere Möglichkeiten hat, seine Anfragen bei uns einzubringen. Ob per Telefon, SMS, Mail, Instagram oder WhatsApp: alles ist möglich. Alle Informationen im Bericht des Bürgermeisters auf den Versammlungen werden auch im umfangreichen Jahresbericht, der an alle Haushalte in der Gemeinde verschickt wird, ergänzt. Unabhängig davon: die Bürgerversammlungen sind sehr wichtig! Wie es mit unserem Jahresempfang weitergeht, ist noch nicht geklärt. Wir wollen aber auf jeden Fall ein Format finden, mit dem unsere Ehrenamtlichen wieder eine angemessene Würdigung erfahren! Wir arbeiten bereits daran!

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führten Heiko Schmidt und Barbara Geiling.

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