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Das Rathaus im Zeichen der Corona-Krise Eine Belastungsprobe – wie für so viele Unternehmen in dieser Zeit

Kategorie: Allgemeines Veröffentlicht: 22. März 2020

„Im gleichen Maße, wie das öffentliche Leben heruntergefahren wird, steigt bei uns die Arbeit an" fasst Christian Schiller, dessen Blick immer wieder auf sein Smartphone wandert, die Lage in der Gemeindeverwaltung zusammen. Im Halbstundentakt tickern neue Nachrichten ein. Kommen neue Auflagen, die beachtet werden müssen, werden weitere Handlungen untersagt und sollten unter Kontrolle gestellt werden. Und auch, was ich jetzt hier schreibe, wird längst überholt sein, bis es online erscheint. Erst recht, bis es den Weg zur Druckerei schafft. Und gibt dennoch – hoffentlich – einen kleinen Einblick über das, was die Verwaltung aktuell stemmen muss. Nennen wir es einfach eine Momentaufnahme.

 

 

Schon der Gang ins Rathaus ist ungewohnt: anstelle offener Türen der Hinweis auf die Klingel mit Bitte um Voranmeldung. Und auch drinnen ist auf einmal vieles anders. Dezimiertes Personal, umfunktionierte Räume, Plexiglastrennscheiben an Schreibtischen und vor allem: ganz viele Kisten, die sich auf den Gängen stapeln. Denn was angesichts der stetig aktualisierten Corona-Meldungen schon fast ein bisschen in Vergessenheit geraten ist: es war gerade Kommunalwahl, und die zeichnete sich u.a. dadurch aus, dass die bereitgestellte Software alles andere als zuverlässig war. Nicht nur, dass sich die Auszählung, Bekanntgabe der Ergebnisse etc. bis in die Nacht zog. Auch die Nachbereitung stellt eine gewaltige Herausforderung für die Verantwortlichen dar. Und jetzt muss auch noch die Briefwahl vorbereitet werden. „Ministerpräsident Söder hat die Briefwahl zwar angeordnet, aber umsetzen müssen es die Kommunen" seufzt Christian Schiller. „100% Briefwahl ist eine sportliche Ansage!"

Rathaus Corona 1

Jochen Ulmer Wahlleiter Hans Wannenmacher arbeiten mit Kollegen und viel Energie daran, die Kommunalwahl abzuarbeiten – bevor die Unterlagen der Briefwahl auf das Rathaus einstürmen

Für alle Wahlberechtigten müssen die Unterlagen vorbereitet werden. Merkblatt und Stimmzettel eintüten, auf jeden roten Umschlag die Nummer per Hand eintragen, alles kontrollieren, zusammen in den großen Umschlag, mit den Listen abgleichen ... Die Damen vom Gemeindekindergarten haben sich für diese Arbeit bereiterklärt und hadern nur mit der Tatsache, dass noch immer nicht alle Unterlagen geliefert wurden.
„Koordinieren und organisieren ist zu einem ganz wichtigen Bestandteil unserer Arbeit geworden" resümiert der Bürgermeister. Ein Beispiel: in den Kindergärten gibt es nur noch eine Notgruppe von Kindern, wo beide Elternteile in „systemrelevanten Berufen" arbeiten. Sprich Polizei, Krankenhaus etc. Was aber tun mit den anderen Beschäftigten? Urlaub, Kurzarbeit, für andere Arbeiten einsetzen? Was tun, wenn ein Corona-Fall in dieser Einrichtung auftaucht? „Wichtig ist jetzt, gemeinsam mit den Mitarbeitern an Lösungen zu arbeiten!"
Das Jugendhaus: geschlossen. Die Bücherei: geschlossen. Die Busfahrer der Schulbusse: ohne Beschäftigung. Ihnen einen Ausgleich zahlen, so wie es andere Betriebe handhaben? Und auf der anderen Seite: Mitarbeiter unter Quarantäne, da in einem Risikogebiet gewesen. Andere vorsorglich nach Hause geschickt, da sie als Schwangere oder mit Vorerkrankung einer Risikogruppe angehören. Und alle anderen: stehen häufig vor Aufgaben, die es so noch nie gab. „Ständig poppen neue Themen auf, mit denen du nie gerechnet hättest."

Rathaus Corona 3

Kerstin Rieger, Anneliese Wischmann und Sabine Zieger haben sich bereiterklärt, anstelle der Kinder des Gemeindekindergartens, das Eintüten der Briefwahlunterlagen zu übernehmen

Beispiel Kindergärten/Schule: nach Absage der normalen Schuleinschreibung am 19. März versucht Sabine Lüppers zu koordinieren, wie man die Nachrückverfahren für die freien Kindergartenplätze organisiert (sehr vereinfacht dargestellt!). Und bittet alle Eltern ganz herzlich darum, zeitnah zu melden, falls sog. "Korridor-Kinder" doch eingeschult werden - und damit ein Betreuungsplatz frei werden wird. 
Ihr gegenüber sitzt die Pressesprecherin Katrin Engelhardt und versucht bis spät in den Abend hinein, die relevanten hereinkommenden Meldungen auf der Homepage zu aktualisieren. Verteilt die vom Bürgermeister u.a. Stellen hereinströmenden Nachrichten in die richtigen Kanäle.
Annemaria Sterl derweil organisiert Trauungen mit ohne Blumenschmuck und begrenztem Zugang, denn: „sterben und heiraten wollen die Leute immer noch" meint sie lächelnd. Und es sei doch auch wichtig, ein bisschen Normalität aufrecht zu erhalten.
Alles andere als normal sind die Zahlen, mit denen sich die Kämmerin Myriam Goodwin auseinandersetzen muss. Das Gewerbe leidet, die Steuereinnahmen werden massiv einbrechen und aktuell sitzt sie daran, eine Art „Worst-Case-Szenario" zu berechnen. „Nach der Krise wird es ganz wichtig sein, dass die öffentliche Hand investiert" sagt der Bürgermeister. „Das Geschäft des hiesigen Gewerbes wieder ankurbeln" – auch wenn Corona den Haushaltsetat mit anderen unvorhergesehen Ausgaben belastet.
Bettina Schneck ist im engen Kontakt mit dem Gewerbeverband „WIR", die an einer Homepage für alle Einzelhändler arbeiten, damit ihre Waren online bestellt werden können. Darüberhinaus gilt es auch für sie, den Überblick über die verschiedenen Maßnahmen und Regeln zu behalten, die nicht immer nachvollziehbar sind und scheinbar auch sehr unterschiedlich ausgelegt werden können.
Ihr gegenüber versucht Kerstin Brozio, die nächste Gemeinderatssitzung vorzubereiten. Der Sitzungssaal ist zu klein, um die notwendigen Abstände einhalten zu können und so werden sie auf die Martinshalle ausweichen. Hier die Technik bereitstellen, etc. wird wieder so eine kleine Herausforderung werden.
Viele ungewohnte Aufgaben für die Mitarbeiter – und doch scheinen alle sehr positiver Stimmung zu sein. Christian Schiller hat Whatsapp-Gruppen eingerichtet, um den Informationsfluss zu kanalisieren. Auch ein Krisenstab wurde gegründet, um schnell und zielgerichtet reagieren zu können. Auf was das sein wird? Noch viele kleinere und größere Überraschungen – so viel ist sicher!
Z.B. ein Positivfall im Rathaus? „Wir brauchen die Unterstützung der Bevölkerung, um unsere Mitarbeiter zu schützen" betont der Bürgermeister. Sprich: bitte nur kommen, wenn es wirklich notwendig ist.
Ob er sich neben der großen Freude darüber, als Bürgermeister wiedergewählt worden zu sein, die ersten Tage ein bisschen anders vorgestellt hat? „So mal kurz raus nach Südtirol mit meiner Frau... das wäre schon schön gewesen" grinst Christian Schiller etwas wehmütig. Statt dessen: noch keine Zeit zum Durchatmen bislang. Aber zum Glück seien die Mitarbeiter unheimlich kooperativ und auch nach Feierabend und an den Wochenenden zur Stelle betont er. „Es ist toll, gerade in so einer schwierigen Situation ein Team zu haben, auf das man sich zu 100% verlassen kann!"

Für Sie berichtete Barbara Geiling

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