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Die Beamten waren schuld! Der Freundeskreis Herrsching der evangelischen Akademie Tutzing lud ein zu einem anregenden Vortrag über Hexenprozesse in Bayern

Kategorie: Kultur Veröffentlicht: 31. März 2014

(Text/Foto: bg) Ihre Flugrouten verliefen über den nahen Peißenberg und in Schongau wurden viele Jahre die Hexenprozesse in Theaterspielen aufgearbeitet – das Hinrichten der Hexen in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gehört zu den dunklen Kapiteln der bayrischen Geschichte. Wie es dazu kam und welche Rolle die Kirche, bzw. das aufstrebende Beamtentum in dieser Zeit hatte, beleuchtete Prof. Dr. Reinhard Heydenreuter in einem interessanten und amüsanten Vortrag.

 

 

Der Freundeskreis Herrsching der evangelischen Akademie ist in Herrsching bekannt dafür, ein Garant für interessante Vorträge zu sein. Und so ist das evangelische Gemeindehaus immer gut gefüllt mit interessierten Besuchern – doch zu den Hexen kamen gleich noch ein paar mehr! War es das Thema, oder der Vortragende, der bereits 2010 in Herrsching über das Thema „Adel verpflichtet" referiert hatte oder einfach die lange Winterpause in der beliebten Vortragsreihe – Frau Prof. Renate Lanius auf jeden Fall freute sich über das zahlreiche Erscheinen und begrüßte herzlich die Anwesenden und den Vortragenden. Prof. Heydenreuter ist Archivdirektor am Bayrischen Hauptstaatsarchiv, Leiter der Bayrischen Akademie der Wissenschaften und Professor für neuere Geschichte an der Katholischen Universität Eichstätt und Passau. Er ist wohl selber ein begeisterter Nutzer des Archivs und hat hörbar Freude daran, das Gelesene weiterzugeben!

Hexenvortrag 1

Lebendig und humorvoll erzählte Prof. Dr. Reinhard Heydenreuter über die Zeit der Hexenprozesse in Bayern

Und diesmal also Hexenprozesse: es schien ihm dabei allgemein ein großes Anliegen zu sein, die Kirche aus dem Fokus der „Schuldigen" zu rücken. Vielmehr sei der zu dieser Zeit unaufhaltsame Anstieg der Beamten ein wichtiger Grund für die einsetzende Prozessflut gewesen. Hexenprozesse und auch Folter waren also kein Instrument der Geistlichen, sondern ausschließlich von Juristen – und es war keine Erscheinung des Mittelalters, wie oft fälschlicherweise angenommen wird.
Prof. Heydenreuter zeichnet zur Verdeutlichung ein Bild um die beginnende Neuzeit und die damals einsetzende Entwicklung des modernen Staates. Es waren schwierige Zeiten für die Bevölkerung, da sich durch die herrschende „Kleine Eiszeit" Ernteausfälle und Krankheiten häuften. Die Lebenserwartung war sehr gering und die Belastung der Bürger wurde zusätzlich durch die erstmalige Einführung einer Umsatzsteuer noch erhöht: die steigende Zahl der Beamten forderte ihren Tribut und verlangte nach neuen Einkommensquellen. Hinzu kamen der Einmarsch der Türken, die Ausbreitung von Pest und Syphilis, der Dreißigjährige Krieg, das „schlechte Wetter" ... man brauchte einen „Schuldigen", der für all das zur Verantwortung gezogen werden konnte! Hinzu kam eine Änderung im Anklageverfahren: galt vorher der Anklagegrundsatz (wo kein Kläger, da kein Richter), so führte man jetzt das Offizialprinzip ein. Hier unterliegt die Strafverfolgung nur dem Staat und nimmt keine Rücksicht auf den Verletzten – er kann also auch dann tätig werden, wenn der „Verletzte" gar keinen Grund darin sieht. Das gegenseitige Denunzieren wurde eine Art Volkssport und die Juristen schienen die Beschuldigungen gerne in ihre Prozesse aufzunehmen. „Herrschen durch Strafen" wurde eine prägnante Manifestation des 16. Jahrhunderts, in dem man z.B. auch erstmals auf die Idee kam, den „Teufelspakt" unter Strafe zu stellen ... eine schwer nachweisbare Anschuldigung, aber auch genauso schwer widerlegbar!
Es war in den 70er Jahren des 16. Jahrhunderts, als die Hexenprozesse in Bayern dramatisch zunahmen. Den Scharfrichtern kam hier eine wichtige Rolle zu, fungierten sie doch u.a. als „Gutachter" in Sachen Rechtsprechung. Durch die wahre Invasion der Prozesse erlangten sie eine wichtige Position in der Gesellschaft und gehörten bald zu den reichsten Familien in Bayern!
Wie beurteilte man eigentlich, ob jemand eine „böse Hexe" ist? Man koche Milch in einem Topf, stoße mit einem Messer hinein und der Nächste, der über die Schwelle tritt ist die schuldige Hexe! ... Es gab sicher noch weitere „Verfahren" zur Feststellung und im Laufe der Zeit entwickelten die Juristen umfassende Fragenprotokolle, um die Verurteilungen schneller vorantreiben zu können. Hexenmale auf der Haut, aber auch die verwendeten Salben, die Tänze u.v.a.m. kamen auf die Liste der Erkennungsmerkmale. Hier kam auch der aufkeimenden Presse eine entscheidende Rolle zu, die in Einzeldruckblättern über die Prozesse berichteten und so für eine Verbreitung dieser Merkmale sorgten.
Und so begann die Entwicklung des modernen Staates in Bayern mit einem unrühmlichen Beigeschmack. Natürlich waren die Hexenprozesse kein bayrisches Phänomen, sondern in ganz Europa verbreitet, doch fanden sie hier angesichts der angespannten Lage einen fruchtbaren Nährboden. Die „Kleine Eiszeit", todbringende Krankheiten, die Flut an Juristen auf der Suche nach Arbeit, die starke Rolle der Scharfrichter, die Verbreitung durch die Presse – all diese Faktoren spielten nach Meinung Heydenreuters zusammen, die Verfolgung der Hexen voranzutreiben. Ein Ende des unrühmlichen Kapitels läutete seinem Urteil nach erst 1632 der Einmarsch Gustav Adolfs in Bayern ein.
In der anschließenden Diskussion kamen noch viele Fragen zu Einzelheiten der Hexenprozesse, der Rolle der Scharfrichter etc. auf. Prof. Heydenreuter erwies sich auch hier als ausgezeichneter Kenner dieses Abschnitts Bayrischer Geschichte – nur auf eine Frage wusste auch er keine Antwort: Warum sich der Besen als beliebtestes Fahrzeug der Hexen durchgesetzt hatte...

Hexenvortrag 2

Hexen scheinen ein Publikumsmagnet zu sein: der Gemeindesaal der evangelischen Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt!

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