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Das Ehepaar hinter „Faltsch Wagoni“ Seit über 30 Jahren touren Sylvana und Thomas Prosperi als musikalische Wortakrobaten durch die Länder

Kategorie: Kultur Veröffentlicht: 05. Mai 2014

(Text/Foto: bg) Der Herrschinger Spiegel – Die Herrschinger Spiegel – Das Herrsching spiegelt ein Teil ihres Lebensgefühls wieder und bei der Wahl dieser Gemeinde als Wohnort spielte der See eine große Rolle. Seit 4 Jahren wohnen sie jetzt hier und im vergangenen Monat durften wir sie zum zweiten Mal im Kurparkschlösschen mit ihren Programmen erleben. Wortakrobatik zum Staunen, musikalischer Hochgenuss und schräge Sägenmusik, Rhythmus pur bei Text und Musik, ganz viel Vergnügen und doch auch Nachdenklichkeit – und vor allem: ein ganz neuer Blick auf die deutsche Sprache!

 

 

Wie wird man eigentlich Kabarettist? Eine „Ausbildung" gibt es dafür nicht wirklich und ob der Werdegang des Ehepaares Prosperi als Vorbild genommen werden kann?
Sylvana erhielt ihre musikalische Grundausbildung nach eigenen Angaben bereits im Mutterleib. Der Vater, ein Italiener brachte damals ein ganz neues Lebensgefühl mit in die Familie herein. Lachen, Kochen – und eben die Musik! Noch in der Nacht vor ihrer Geburt schwangen die Eltern das Tanzbein „und eine bessere Rhythmusausbildung kann man doch gar nicht bekommen"! Ob es wirklich das Geschaukel im Bauch der Mutter war, der ihr dieses großartige musikalische und rhythmische Gefühl mit auf den Weg gab? Es war bestimmt auch der Stellenwert der Musik in dieser Familie. Statt Unterricht an der Musikschule („konnten wir uns gar nicht leisten") wurde die Musik als ein Stück Lebensqualität gelebt. Es gab kein „falsches Singen", man hatte doch einfach eine Stimme.

Faltsch Wagoni Portrait 2

Man nehme viel italienisches Temperament...

Die Punkmusik traf anfangs Sylvanas musikalisches Lebensgefühl am besten („Hier war man als musikalischer Dilettant auf der Bühne willkommen!") und so gestaltete sie damit ihre ersten Auftritte. Ein Studium wurde ausprobiert und auch als Musikkritikerin fand sie Arbeit – und: ihren jetzigen Ehemann und Partner, Thomas Busse!
Thomas Prosperi stammt aus einer Künstlerfamilie. Der Vater ein bekannter Maler und die Mutter nahm den Umweg von der Hausfrau zu einer begnadeten Puppenspielerin. Was als Unterhaltung für die eigenen Kinder begann, entwickelte sich mit der Zeit zu bühnenreifen Auftritten, für die sie ihre eigenen Theaterstücke schrieb. In den 50er Jahren wurden die von ihr erdachten Puppentheater für das Fernsehen produziert – damals etwas ganz neues und wohl auch heute nur noch durch die Augsburger Puppenkiste bekannt. Thomas erhielt Klavierunterricht – und war doch eigentlich mehr an der Gitarre seines großen Bruders interessiert. Er schnappte sich diese und wurde in den folgenden Jahren sein eigener Lehrmeister. Mehr zum Gefallen seines Vaters absolvierte er nach der Schule eine graphische Ausbildung, um dann aber doch lieber als Bandmusiker zu leben ...und um schließlich von Sylvana interviewt zu werden.

Faltsch Wagoni Portrait 1

gepaart mit feinfühliger Poesie ...

Zu zweit spielten sie fortan in einer Band, deren Musikrichtung sich an New Wave orientierte, oder wie sie sich ausdrückt „angelektuelltem Punk". Doch stand bei beiden nie alleine die Musik im Vordergrund. Es waren immer auch die Texte, die ihnen am Herzen lagen und jeder Auftritt sollte eine eigene Performance haben. Das nächste Lied einfach mit seinem Namen anzusagen war ihnen eindeutig zu wenig und so entwickelten sie nach und nach ihren eigenen Auftritt zwischen den Auftritten. War es diese Entwicklung oder doch mehr das Rücken der Texte in den Vordergrund der Musik – auf jeden Fall standen sie bald nur noch zu zweit auf der Bühne. Er mit der Gitarre und sie mit dem Bass - und feilten gemeinsam an ihrer Performance, um etwas ganz eigenes zu finden...
In den 90er Jahren dann eine Einladung zu einem Musikfestival nach Frankreich. Aber mit welchem Programm? Ihre Überlegungen mündeten in einem viersprachigen Erguss, mit dem sie „verwirrungstechnisch ihren Höhepunkt erreichten". Gedichte, die sich kunterbunt gemischt aus vier Sprachen zusammensetzen forderten den Zuhörer „und egal in welchem Land man spielt: keiner verstand alles" meinen beide übereinstimmend – ein wenig schadenfroh... Und trotzdem: alleine in München sollten sie dieses „wirklich schwer zu schreibende" Programm über fünfzig Mal aufführen. Und es war dieses Bühnenstück, mit dem sie (als Europäisches Kabarett!) erstmalig zu einer Goetheschule ins Ausland eingeladen wurden. Ein Ausflug, dem viele weitere folgen sollten: Senegal, Elfenbeinküste, Russland, ... Fällt es Ausländern nicht zu schwer, den Witz hinter all diesen Geschlechterwechseln, Genetiven, Imperativen, etc. zu entdecken? „Gerade sie verstehen das doch am besten!" Die Frau, der Frau, das (der) Frau gehörende... alles richtig, man muss nur wissen wann! ... Aber das zu lernen?
Der für ihr Kabarett so charakteristische „Wordbeat" empfinden beide „als eine organische Entwicklung über die Musik". Diese wurde zugunsten der Texte immer mehr reduziert und durch ihre „gemeinsame, unterschiedliche Art" fanden sie den Stil, der heute ihre Aufführungen prägt. Sie werden als Vorläufer des Raps gehandelt, doch könnte man die Musik der Beiden nie alleine auf diese Richtung reduzieren. Er ist für die Poesie verantwortlich und sie für den Rhythmus und das Bauchgefühl. Und letztendlich entsteht doch alles gemeinsam. Als „Grundinstrumente" dienen ihnen eine Gitarre und ein Cajon, diese so einfache wie geniale Trommel. Daneben gibt es noch seine „Stradivarius", eine extralange Säge, die mit ihrem schön/schauerlichen Klang bei so manchem Zuschauer alles zusammenziehen lässt. Auch Styropor war schon dabei, ein großer Gymnastikball... Töne und Rhythmus lassen sich auf vielen Materialien erzeugen und da braucht es auch keine Musikerausbildung!
Ein Zuschauer hat ihnen mal nach der Vorstellung anerkennend gedankt: "Ich hätte nie gedacht, dass man sich bei etwas so Anspruchsvollen so amüsieren kann!" Ein Lob, das ihnen gefällt.
„Wir machen kein politisches Kabarett, aber vielleicht ist das Politische an uns, das wir den Leuten mitgeben wollen, auf die Sprache zu achten" meint Thomas Prosperi. „Leute, hört genau hin, denn über die Sprache wird einem so viel verkauft!"

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... und herauskommt eine unverwechselbare Mischung, genannt Faltsch Wagoni

Momentan touren sie mit zwei verschiedenen Programmen vornehmlich durch Deutschland. Den „Heimvorteil" im Kurparkschlösschen haben sie sehr genossen – und überhaupt: "Wir fühlen uns unheimlich wohl hier in Herrsching!" Der See, die Leute, die Landschaft – es passt alles und man darf darauf hoffen, dass sie uns hier noch das ein oder andere Programm vorstellen.

Ein persönliches Wort am Rande: Ich hatte drei Söhne mit in der Vorstellung, die sich gerade in unterschiedlichen Klassen mit der deutschen Grammatik herumärgern – ihr Fazit war eindeutig: eine so lustige und greifbare Grammatikunterweisung hatten sie noch nie erlebt und traurig stimmte sie nur, dass die Säge im Werkzeugkeller nicht so schöne Töne erzeugen konnte, wie die auf der Bühne!
Übrigens: Wer die Vorstellungen verpasst hat, kann sich eine ihrer CD's in der Buchhandlung erwerben!

 

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