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„San Mia Mia?“ – Eine Suche nach der bayrischen Identität - Helmut Schleich und Thomas Merk begeistern das vollbesetzte Kurparkschlösschen mit einer Lesung auf Einladung des Kulturvereins

Kategorie: Kultur Veröffentlicht: 27. Juli 2014

(Text/Foto: bg) Schon von weitem ließ es sich nicht überhören, dass an diesem Abend im Kurparkschlösschen eine Veranstaltung war: lautes und fröhliches Stimmengemurmel drang aus den offenen Fenstern des bis auf den letzten Platz ausverkauften Kaminzimmers. Helmut Schleich, einer der markantesten Größen in der deutschsprachigen Kabarett-Landschaft und sein Mitautor, Kompagnon etc. Thomas Merk hatten sich angesagt, um aus ihren gemeinsamen Büchern zu lesen. Letztendlich ging um die Frage, wie Dahoam unser Daheim in der post-Franz-Josef Straß Ära eigentlich noch ist...

Losgehen sollte der Abend mit einer Film-Sequenz, die vor einiger Zeit im nahen Seehof gedreht wurde – doch die Technik spielte nicht mit. Dieser „fulminante Start" aber war für die beiden Autoren kein Problem, obwohl so ein Film schon praktisch sei, weil man da weniger rede müsse... „Aber gerade auf dem Land soll man sich halt nicht auf die Technik verlassen!" Und überhaupt reden – damit ist es jetzt genug, denn dies sei schließlich eine Lesung und da liest man! „Daheim is ned Dahoam" ist ein launisches Roadmovie in die unbekannte bayrische Seele. Wie dahoam kann man sich in diesem Land eigentlich in der Post-Stoiberischen Zeit überhaupt noch fühlen? Und was charakterisiert das so eindrücklich beschworene bayrische Lebensgefühl? Sind das nur die Leberkas-fressenden Wurzelsepps oder die Bier-Rülps-Apps? Um das herauszufinden machen sich die beiden Autoren auf Entdeckungsfahrt durch den Freistaat und erkunden dabei ein Bayern abseits der Idylle. Ob im Frankenland, dem „Tibet Bayerns" oder am Chiemsee, wo der Niedergang der bayrischen Esskultur exemplarisch aufgedeckt wird – es ist alles nicht mehr so wie früher! Man nehme alleine die Brez'n Kultur: das Einzige, was ihn hier noch wundere sei, warum die Verkäufer beim Einpacken Plastikhandschuhe tragen – „Ein Bakterium lässt sich auf so einem Ding nie und nimmer nieder!"

Schleich Kulturverein 1

Helmut Schleich und Thomas Merk begeisterten im Kurparkschlösschen mit einer kabarettistischen Lesung das Publikum


Weiter geht es von Neu-Goblenz, wo sich die Getreide-Silos als Kirchen entpuppen hinein ins Frankenland, in dem Schleich verzweifelt nach den Menschen in der perfekt durchstrukturierten Landschaft sucht. Die „Magna Charta" des fränkischen Seenlandes würde genauestens Aufschluss über die Nutzungsbedingungen geben, aber die „bienenfleißigen Einwohner" seien wohl zu beschäftigt mit dem Nachbauen aller möglichen Dinge, so das für Erholung keine Zeit bliebe. Franken also doch kein Tibet sondern das China Bayerns... „Sogar den Ministerpräsidenten haben's versucht nachzubauen – aber ein Beckstein als Kopie von Strauß?!" Geht ja gar nicht!!!
Wenn Helmut Schleich seine Passagen vorliest, dann er liest er nicht nur, sondern schlüpft in die jeweiligen Rollen. Ob fränkisch, niederbayrisch oder Adolf Hitler: es ist nicht allein der Dialekt, den er perfekt imitiert, sondern auch die ganze Persönlichkeit dahinter. Thomas Merk spricht dagegen in fein modulierten Hochdeutsch. Er übernimmt die Übergänge, die Erzählstränge dazwischen und setzt damit einen gelungenen Kontrast.
Danach ein Rollen- bzw. Buchwechsel. Franz-Josef Strauß ist gestorben und blickt nun von oben auf die Welt hinunter. („Franz-Josef Strauß – Mein Tagebuch von 1988 bis heute")
Nachdem er im Expresszug durch das Fegefeuer musste, ist er schließlich im „gar nicht so himmlischen" Himmel angekommen und blickt seinen Nachfolgern minutiös auf die Finger. Zumindest den Trauerzug für sein Begräbnis fand er noch ganz passabel und empfindet ihn als posthumen Triumphzug. Dass er nicht getragen wurde lag daran, weil er für vier Träger zu schwer und für sechs zu kurz war... Aber ganz Bayern sei zutiefst geschockt gewesen und hätten's das ein bisserl vorher gezeigt, wäre er ja noch länger geblieben!
Ansonsten hat er nicht viel Gutes über seine Nachwelt zu berichten. Das der „Pfälzer Politsaumagen" (Helmut Kohl) den 3. Oktober – seinen Todestag – zum Tag der Deutschen Einheit erklärt hatte empfand er als bodenlose Frechheit und auch seine Nachfolger Stoiber und Seehofer kommen nicht richtig gut weg. Thomas Merk liest die politischen Geschehnisse vor und F.J.S., alias Helmut Schleich gibt von oben seinen Senf dazu – und das Publikum hört nicht mehr auf zu lachen! In dieser Rolle geht er so richtig auf und so lassen die Zuschauer das Autorenteam erst nach etlichen Zugaben gehen – und auch das nur bis zum Büchertisch, wo sie noch lange saßen und ihre Werke signierten...

Schleich Kulturverein 3

Die Schlange am Büchertisch, wo Thomas Merk und Helmut Schleich noch ihre Bücher signierten war lang: der Abend hatte Lust auf mehr von diesem ganz besonderen Autorengespann gemacht!

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