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Christian Springer zu Gast im Kurparkschlösschen! Der Kulturverein holt den bekannten Münchner Kabarettisten zu einer Lesung nach Herrsching

Kategorie: Kultur Veröffentlicht: 17. April 2015

(Text/Foto: bg) Eigentlich war Karl May an allem schuld. Es waren die Geschichten von Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar, die in dem jungen Christian Springer die Sehnsucht nach dem Orient entfachten. Die Bilder von durch die Wüsten schreitenden Kamelen, die Menschen in ihren langen Gewändern und all seine geheimnisvollen Geschichten. Im Alter von 18 Jahren kaufte er sein erstes Zugticket nach Damaskus und überforderte mit diesem ungewöhnlichen Reiseziel erstmal die Reisebüroangestellte. Nach beschwerlicher Fahrt über Istanbul aber erreichte er die Hauptstadt Syriens, die ihn seitdem nicht mehr loslässt: unzählige Male war er inzwischen dort, um zum einen nach einem der größten Kriegsverbrecher aus der Nazizeit zu forschen und seit Ausbruch des Bürgerkrieges nun vor allem der Bevölkerung Hilfe zu leisten. 2014 gründete er den Verein Orienthilfe e.V., um schnell und effektiv den syrischen Flüchtlingen helfen zu können.

Wer im Münchner Raum den Namen Christian Springer hört, der denkt zuallererst an „Fonsi" den mürrischen Kassenwart von Schloss Neuschwanstein. Mit blauer Kassieruniform und Aktentasche kommentiert er die Welt als liebenswerter Grantler auf seine ganz eigene Art. Schon während seiner Schulzeit gründete er gemeinsam mit Helmut Schleich das Kabarett „Fernrohr", war bei Starkbieranstichen am Nockerberg dabei und ist häufiger Gast in Fernsehen und Rundfunk. Doch war dieser Abend im Kurparkschlösschen kein Kabarettabend, sondern behandelte die andere Seite des Christian Springer: als er während seines Studiums der Semitistik, Philologie des Christlichen Orients und der Bayrischen Literaturgeschichte eine seiner Reisen nach Syrien unternahm, stieß er auf den Namen Alois Brunner. Als rechte Hand von Adolf Eichmann war dieser verantwortlich für den Tod von mehr als 120.000 Menschen gewesen und tauchte nach dem 2. Weltkrieg in Syrien unter. Mit Hilfe der schützenden Hand der Assad-Familie lebte er hier unbehelligt bis zu seinem Tod – eine Tatsache, die den jungen Springer nicht mehr loslässt. Ein zum Tode verurteilter Massenmörder läuft frei herum und nichts passiert. Er beginnt nachzuforschen und begibt sich auf die zwanzig Jahre lang dauernde Suche nach diesem Mann und schreibt über diese Jagd schließlich auch das Buch: „Nazi, komm raus". Doch handelt dieses Buch nicht alleine von den oft gefährlichen Nachforschungen, sondern ist auch politisch brisant, durch die Geschehnisse der letzten Jahre hochaktuell, aufrüttelnd und trotzdem satirisch.
In dem gut besuchten Kaminzimmer des Kurparkschlösschens begann Christian Springer seine Lesung - die keine Lesung werden sollte - mit der Beschreibung einer Beerdigung im Libanon an der Grenze zu Syrien. Zwei Folteropfer waren mithilfe viel Geldes aus dem Gefängnis freigekauft worden, damit die Verwandten und Freunde ihnen zumindest noch ein richtiges Begräbnis zuteilwerden lassen konnten. Aus Angst vor dem gleichen Schicksal kehrten die Besucher dieses Begräbnisses anschließend nicht mehr in die eigene Heimat zurück und wurden zu einem der vielen anderen Flüchtlinge aus Syrien. Bei den Folteropfern waren Genickbrüche die Todesursache gewesen – hervorgerufen vermutlich durch den in syrischen Gefängnissen so beliebten „Deutschen Stuhl", eine Foltermethode, die im Nazideutschland entwickelt wurde.
Eine eindrückliche Einleitung, mit der Springer auf die aktuelle Brisanz und Verkettung zwischen dem Naziverbrechen und der Lage in diesen Ländern hinweisen will. Auf eine Zeit, in der Bürgermeister hier in Deutschland wieder aus Angst vor dem rechten Gedankengut zurücktreten. Von einem Teil der deutschen Geschichte, die nicht 1945 vorbei war. Springer redet sehr eindrücklich und man merkt ihm deutlich sein Anliegen an: wir müssen aufstehen und uns dagegen wehren – von alleine hört da nichts wieder auf!

Springer Lesung 2

Nachdenklich, aufrüttelnd und auch sarkastisch schilderte der Kabarettist und Kenner des Nahen Ostens, Christian Springer, über die Lage in Syrien und seiner Suche nach dem Kriegsverbrecher Alois Brunner


Es sei dies die Einleitung gewesen, um seinen Antrieb verstehen zu können. Der Antrieb dafür, so viele Jahre nach einem Massenmörder zu suchen, für dessen Ergreifung sich auch die deutschen Regierungen nicht besonders stark gemacht haben. Für einen unter vielen, die im Nahen Osten Unterschlupf fanden und dort mit ihrer rechten Gesinnung munter weiter agieren konnten. Doch wäre er nicht der Kabarettist Christian Springer, wenn an diesem Abend nur ernsthafte Worte fielen. Mal anklagend und eindringlich – aber eben auch manchmal sarkastisch, ironisch: es ist eine ihm ganz eigene Sprache, mit der er zuletzt doch auch sein Buch vorstellt. Es ist die Geschichte einer zeitweilig grotesk anmutenden Suche nach dem Kriegsverbrecher, eine Ansammlung verpasster Gelegenheiten und die Darstellung einer vielschichtigen Geschichte. Der vielgereiste und sehr vielseitig wirkende Autor hat eine feine Beobachtungsgabe für die Situation um ihn herum entwickelt und gibt sie sprachgewandt an die Leser und Zuhörer weiter. Die Gäste im Kurparkschlösschen waren gefangen von seinen Worten und nutzten nach dem „offiziellen" Teil des Abends noch lange die Gelegenheit, mit dem nicht alltäglichen Menschen Christian Springer zu reden.

 

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