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Von der Fremdheit im eigenen Land: Senthil Vasuthevan liest aus seinem vielfach ausgezeichneten Buch „Vor der Zunahme der Zeichen“

Kategorie: Kultur Veröffentlicht: 06. Juli 2018

Es ist ein Buch, wie man es nur selten in die Hände bekommt. Es sollte ursprünglich eine Doktorarbeit im Fach Philosophie werden und ist nun? Ein Roman? Lyrik? Es ist auf jeden Fall ein Werk, das einen gefangen nimmt und ein Autor, der durch seine sprachliche Gewandtheit und Ausdruckskraft beeindruckt. Im Kurparkschloss las Senthil Vasuthevan aus seinem Buch und ergänzte diese Lesung durch Geschichten darum herum, die oftmals von seinem eigenen Leben handeln. Es sei kein autobiographischer Roman sagt er, obwohl viele Erfahrungen aus seinem Leben miteinfließen. Und es ist auch kein Buch über Flucht und Asyl, obwohl es thematisiert wird.

Senthil Vasuthevan wurde in Sri Lanka geboren, als sein Vater schon nach Deutschland geflohen war. Als Tamile war man fremd und gefährdet im eigenen Land und das galt besonders für junge Männer. Seine Mutter versuchte sich das Leben zu nehmen und starb nach eigenen Worten an diesem Tag – obwohl sie überlebte. Sie folgte ihrem Mann „ins Exil", wie der Vater die neue Heimat Deutschland Zeit seines Lebens nennt und die junge Familie durchlebte die ersten Jahre in verschiedenen Asylantenheimen. Mittlerweile haben sein Bruder und er in Deutschland studiert und promoviert. Vasuthevan war mit seinem Buch in vielen Ländern auf Lesungen, er bekommt Einladungen von Universitäten und zahlreiche Preise würdigen sein Erstlingswerk.

Lesung Kulturverein 1

Martin Hirte moderierte die Lesung von Senthil Vasuthevan, in dem dieser auch über die Hintergründe seines Buches „Vor der Zunahme der Zeichen" sprach

In „Vor der Zunahme der Zeichen" beginnt ein Doktorand der Philosophie aus Berlin einen Chat mit einer Studentin aus Marburg auf Facebook. Er stammt aus Sri Lanka und sie aus dem Kosovo. Sie erzählen sich von ihrem Leben in den Asylbewerberheimen, von der Schul- und Studentenzeit. Von kurzen Momenten, einzelnen Eindrücken und von dem Schweigen der Eltern, mit dem sie fertig werden müssen. Es ist ein Gespräch zweier junger Menschen, die fremd in der eigenen Heimat sind. Sie kennen kaum das Land ihrer Herkunft und sprechen nur wenig die Sprache ihrer Eltern. Und bleiben doch auch in der neuen Heimat fremd, weil ihr Aussehen und ihr Ursprung sie dazu macht.
Und eigentlich ist es auch kein Gespräch, wie Vasuthevan betont. Er grenzt den Chat, bei dem es keine unmittelbare Interaktion gibt, klar von einem Gespräch ab. Vielmehr sei dieses Buch der „Versuch, ein Gespräch über ein Nicht-Gespräch zu initiieren".
Bei Sätzen wie diesen kommt im Verlauf der Lesung immer wieder der Philosoph zum Vorschein. Er wollte kein Buch für ein kleines Zeitfenster schreiben, das mal schnell auf dem Weg zur Arbeit gelesen werde. Als ein 250 Seiten langes Langgedicht in Versen charakterisiert er es und eine Suche „bis zur äußersten Bedeutung der Wörter" – die vielleicht auch mehr Sinngehalte zulassen.
Auch die Figuren im Buch mussten lernen, dass „Papiere" sowohl die Seiten des Schulheftes bedeuten können als auch über den Aufenthaltsstatus entscheiden. Senthil Vasuthevan spielt mit Worten und hinterfragt. Er thematisiert die ungewollte Fremdheit in der eigentlichen Heimat. Und er beschreibt den gegenwärtigen Rassismus in der Sprache und in alltäglichen Begegnungen. Wie die Erzieherin im Kindergarten beim Malen eines Gesichtes den braunen gegen den hellrosa Stift tauscht, „denn diese Farbe nennen wir hier Hautfarbe". Und erzählt, wie die Journalisten ihn nach einer Lesung seines deutschen Buches auf Englisch interviewen wollen.

Für Sie berichtete Barbara Geiling

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