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Wie die NSDAP im Landkreis Starnberg Fuß fasste und ihr Wirken ausweitete: Die Gemeindearchivarin Frederike Hellerer las im vollbesetzten Kurparkschloss aus ihrer Doktorarbeit

Kategorie: Kultur Veröffentlicht: 22. Januar 2020

Mit der gerade vieldiskutierten Finanzschule besitzen die Herrschinger ein gut sichtbares Zeugnis an die Zeit, als die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht übernahmen. Häufig wird ihr politisches Wirken und der damit einhergehende Einfluss auf die Bürger eher in den großen Städten vermutet. Dass dem nicht so ist, musste Frederike Hellerer im Rahmen der Recherche zu ihrer Doktorarbeit im Fach Geschichte bald erkennen. Ein ganz wichtiger Aspekt ihrer guten Vernetzung bis hinein in die kleinsten Dörfer war u.a. die flächendeckende Ausbildung ihrer Redner. Ein Herrschinger war hier als treibende Kraft ganz vorne mit dabei. Und auch sonst tauchen in Frederike Hellerers Vortrag so manche Namen auf, den man noch heute sehr gut kennt. Ein Abend, der einen eher ungemütlichen Teil Deutscher und Herrschinger Geschichte beleuchtete. Nicht anklagend, sondern aufklärend – und hochinteressant.

„Die NSDAP im Landkreis Starnberg. Von den Anfängen bis zur Konsolidierung der Macht 1919-1939" So lautet der Buchtitel, in dem Frederike Hellerer ihre Doktorarbeit zusammengefasst hat. Die Ausbreitung des Nationalsozialismus in einer vermeintlich so heilen und katholisch geprägten Welt? Was bewegte die Menschen hier, sich dieser Bewegung anzuschließen und was machte sie so erfolgreich?

NSDAP Lesung 1

Viele Wahlmöglichkeiten gab es nicht für die Wähler zur Zeiten der Machtübernahme der NSDAP. In einer Lesung und Diskussion beleuchtete die Gemeindearchivarin Frederike Hellerer die Ausbreitung dieser Partei im Landkreis Starnberg

Eine erste Erkenntnis für Frederike Hellerer im Zuge ihrer Magister-und später Doktorarbeit war, „dass mir das Recherchieren einen Höllenspaß macht" erzählte sie einleitend. Die Suche nach Material, die manchmal ganz unverhoffte Resultate brachte und dann auch wieder vielfach ins Leere lief. So richtig viel war in den Archiven nicht zu holen, was zum einen mit der Papierknappheit zu erklären ist – und zum anderen aber auch mit der Nichteinwilligung der Freigabe.
Und trotzdem gelang es der Gemeindearchivarin an diesem Abend, den vielen interessierten Zuhörern ein schlüssiges Bild zu vorzulegen. Von der Ausgangssituation, die der NSDAP den Weg nach oben ebnete. Das Ende der Weimarer Republik und die Erinnerung an die Revolution von 1918/19. Die Angst vor den „Roten" und eine schwierige Gesamtlage. Das Wirken Einzelner, die hier – und auch überregional – viel bewegten. So erschuf der Starnberger Dentist Friedrich Krohn die Vorlage für die Hakenkreuz-Fahne. Eine Idee, die Adolf Hitler, wie so viele andere Vorlagen, später für sich in Anspruch nahm. Der Herrschinger Klaus von Pape, dem früher die Schönbichlstraße gewidmet war und dessen Name als „Blutzeuge" auf einer Tafel der Feldherrenhalle verewigt ist.
Dann Fritz Reinhart, der 1926 die 1. Ortsgruppe der NSDAP in Herrsching gründete und maßgeblich für die schnelle Ausbreitung der Parteigruppen verantwortlich war. Darüberhinaus brachte er die Finanzschule nach Herrsching. Ein Coup, der sich für die Finanzen und dem Ansehen der Partei sehr positiv bemerkbar machte. Aber sein vielleicht wirksamstes Instrument war die gezielte Ausbildung von Rednern, die für die Ausbreitung der Parteiinhalte bis hinein ins letzte Dorf sorgte. Nicht Analyse und Reflektion war Inhalt dieser Rednerkurse, sondern vielmehr die Aussagen „in die Köpfe reinzuhämmern und in die Herzen zu träufeln".
Noch eine Reihe von anderen Namen tauchen auf im Laufe dieses Abends. Namen, die wir auch heute aus dem Ortsgeschehen kennen und solche, die früher einen hohen Bekanntheitsgrad besaßen. Bilder von Zusammenkünften und „Ortsgemeinschaften", die gleichsam der Vertiefung des Zusammengehörigkeitsgefühls dienten.
Die Schaffung vieler neuer „Pöstchen", die mediale Aufbereitung des Erfolges, die Einbeziehung der Jugend u.a.m. half alles zusammen mit, das Alltagsleben der Bürger nach und nach zu vereinnahmen.

Zum aktuellen Bezug ihrer Arbeit gefragt, stellte Frederike Hellerer klar, „dass ich keine Politikerin, sondern Historikerin bin." Sie beschränke sich in ihren Aussagen auf Fakten und hielte sich daher mit Aussagen über AFD, Pegida u.a. Gruppierungen zurück. Nur eines wollte sie am Ende doch nicht unerwähnt lassen. Bei der Befragung des Enkels eines Ausschwitz-Überlebenden wollte dieser seinen Namen nicht genannt haben. Aus Furcht um seine Kinder.

Für Sie berichtete Barbara Geiling

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