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Mit Autor Burchard Dabinnus auf „Zeitreise“

Kategorie: Kultur Veröffentlicht: 25. November 2020

Reihe „Gesprächstag Spezial" der evangelischen Kirche als Livestream

Zu einem Gesprächsabend der besonderen Art hatte die Evangelische Gemeinde am 19. November eingeladen. Der Autor, Schauspieler und Regisseur Burchard Dabinnus nahm den Zuschauer mit zu einer aufrüttelnden „Zeitreise", bei der er bruchstückhaft auf einzelne Stationen und Momente seines Lebens schaute. Begleitet wurde er vom vierhändigen Klavierspiel der beiden Musiker Christa Edelhoff-Weyde aus Herrsching und Dr. Bradford Robinson aus Landsberg. Das bewegende Szenenspiel war live über die Website der Evangelischen Kirche Herrsching am Bildschirm zu verfolgen.

 

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Autor Burchard Dabinnus (re.) mit den Pianisten Christa Edelhoff-Weyde und Bradford Robinson. Foto: Schmieder

„Wir können heute Abend live, ohne Werbeunterbrechung zu Ihnen nachhause streamen. Darüber bin ich sehr glücklich. Corona sei Dank!": Mit diesen eher ironischen Worten begrüßte Organisator Diakon Hans-Hermann Weinen das Publikum an den Bildschirmen zu einem Abend mit überwiegend ernst stimmenden Inhalten. Für die hilfreiche Unterstützung beim Zustandekommen des Programms bedankte er sich bei Mia Schmidt vom Freundeskreis der Evangelischen Akademie Tutzing. Übertragen wurde aus dem evangelischen Gemeindesaal der Erlöserkirche in Herrsching, der kurzerhand zu einer Filmkulisse umfunktioniert worden war. Strahler und Kamera waren auf das mit einigen Requisiten ausgestattete Bühnenbild gerichtet, am Mischpult arrangierte ein Tontechniker die verschiedenen Tonquellen für die Übertragung.

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Der evangelische Gemeindesaal als Filmkulisse für die Zeitreise. Im Vordergrund rechts sitzend: Organisator Diakon Hans-Hermann Weinen. Foto: Schmieder

Als „Nachgeborener" wagte Dabinnus am Beispiel seiner Familiengeschichte einen sehr persönlichen Rückblick in die jüngere deutsche Vergangenheit. Dafür nahm er die Zuschauer während eineinhalb Stunden mit auf eine Reise durch sein Leben – voller Zeitsprünge, Szenenpuzzel und Perspektivenwechsel. Er versetzte sich in seine Kindheit in den 60er Jahren, in der er vieles nicht verstand und doch spürte, dass da Risse waren, zwischen ihm und dem Leben seiner Vorfahren aus Ostpreußen. Als „Flüchtlings-Enkelkind" wuchs er in Steinebach am Wörthsee auf. Bei Fragen nach seiner Herkunft berief er sich besser auf die Familie mütterlicherseits mit bayerischen Wurzeln. Denn auf dem Schulhof hieß es: Die Saupreißn ham's alle erschossen! Dabinnus: „Das Kind fragte sich: ‚Wann soll ich jetzt erschossen werden?' "

Mit fortschreitendem Alter, als Jugendlicher wurden manche Dinge scheinbar klarer, sichtbarer, andere hingegen rätselhafter. Im väterlichen Arbeitszimmer – „einem Sammelsurium der Geschichte" – fielen ihm neben anderen Obskuritäten Schriften der Wehrkampfordnung in die Hände. Was sollte das bedeuten? „Das war eben so", stellte der Vater Georg Dabinnus, ein „Historiker der alten Schule", trocken fest. Gewonnene Erkenntnisse mündeten in neue Fragen, vieles blieb ungeklärt. Dabinnus senior war nach Abschluss seiner Promotion in Hamburg vom Bundesnachrichtendienst rekrutiert worden und so nach München gekommen. Dort lernte er in den 50er Jahren Burchards Mutter, Silvie Filzinger, kennen.

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Autor Burchard Dabinnus auf „Zeitreise" Foto: Schmieder

Besonders das Schicksal der jüdischen Familie Meyer beschäftigt Burchard Dabinnus bis heute. Seine Großeltern, die im ostpreußischen Königsberg lebten, waren mit Hans Meyer, Inhaber eines großen Mühlenbetriebs, vor dem Krieg eng befreundet. Bei einem Zusammentreffen im Jahr 2011 zwischen Dabinnus mit dem Enkel von Hans Meyer, Billy Meyer, beleuchteten beide die wechselvolle Geschichte ihrer Ahnen. Diesen Austausch hat Dabinnus aufgenommen. Über Lautsprecher hörten die Zuschauer Billy Meyer berichten, wie es seinen Großeltern erging, als sie 1943 durch die Nationalsozialisten zuerst nach Theresienstadt deportiert und später im Konzentrationslager Auschwitz getötet wurden. „Über all' das wurde in unserer Familie nicht gesprochen. Oder habe ich das nicht mitgekriegt?", fragte sich Dabinnus schließlich.

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Autor Burchard Dabinnus (re.) mit Bradford Robinson und Christa Edelhoff-Weyde am Klavier. Foto: Schmieder

Wo keine Sprache, da Musik: Mit ausgewählten Passagen aus den Werken „Pupazetti" und „Pagine di guerra" von Alfredo Casella malten die beiden Pianisten mit ihrem kraftvollen Spiel klangliche Hintergründe, behutsam, abgründig, auch erlösend. Dabei unterbrachen die pointierten Zwischenstücke von Edelhoff-Weyde und Robinson den Sprachfluss Dabinnus' nicht. Sie beschleunigten eher seinen Rhythmus, wurden Teil der Reflexionen, vertieften das Gesagte – niemals aufdringlich, in manchen Momenten eher eine befreiende Pause schaffend, ein Innehalten.

Fortwährend versuchte der Autor dem Leben auf die Spur zu kommen. Dabinnus sprach mit sich selbst, aufgewühlt, beunruhigt, meist laut nachdenkend. Er zitierte aus den Briefen seiner Eltern, wendete sich an das Publikum oder interviewte weitere Zeitzeugen. „Man denkt, man ist frei. In Wirklichkeit aber steckt man immer in einer Geschichte, den Geschichten": Mit diesem Gedanken schloss die Zeitreise, ein letztes Klavierspiel, alle verbeugten sich vor der Kamera.

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Verbeugung vor der Kamera (v.li.n.re.): Die Klavierspieler Bradford Robinson und Christa Edelhoff-Weyde mit dem Protagonisten des Abends, Burchard Dabinnus (re.). Foto: Schmieder

Über 40 Zuschauer verfolgten online die Vorstellung. Hans-Hermann Weinen erhielt per E-Mail sogar spontane Zuschauerreaktionen: „All die kleinen ‚Geschichtsschnipsel', die klare und berührende Vermittlung, die passende Musik, die Spannung – ich war wirklich sehr glücklich in meinem Schaukelstuhl in meinem Wohnzimmer und habe mich wie in einem ‚Kammerspiel' vor Ort gefühlt. Vielen Dank für das Ernstnehmen Eures Publikums: ich habe tatsächlich applaudiert!" Die Zeitreise kann auf der Website www.evangelisch-in-herrsching.de jederzeit „nach"-geschaut werden. In der Regel geben die Besucher bei Live-Veranstaltungen beim Ausgang einen Obolus. „Da dieser entfällt, freuen wir uns, wenn die Zuschauer eine Spende überweisen", bittet Weinen um Unterstützung.

Spendenkonto der Evangelischen Kirche Herrsching, IBAN: DE61 7009 3200 0001 5612 35, Stichwort „Zeitreise"

Für Sie berichtete Petra Schmieder

 

Terminhinweis
Die katholische Pfarreiengemeinschaft Ammersee Ost streamt am 13. Dezember ab 17 Uhr aus der Kulturkirche Breitbrunn live „Weihnachtliche Musik zum Mitsingen und Zuhören". Es singt Margarete Joswig (Mezzosopran), begleitet wird sie von Anton Ludwig Pfell (Orgel) und Carolin Schwenzer (Violine). Der Stream ist über die Website www.pg-ammersee-ost.de zu erreichen.

 

 

 

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