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Die Sprache als Schlüsselqualifikation - Eine gut besetzte Runde im Rathaus debattiert über die Integration der Geflüchteten auf dem Arbeitsmarkt

Kategorie: Veranstaltungen Veröffentlicht: 23. Januar 2017

„Niemand anders hat ein so wirksames Integrationsmittel wie Unternehmer und Arbeitgeber: sie besitzen als einzige die wichtige Ressource Arbeit." Mit diesen Worten schloss der Diskussionsleiter Georg Strasser eine Vortrags- und Diskussionsrunde, die sich im Rahmen der Asylwoche mit dem Thema Asyl und Arbeitsmarkt beschäftigt hatte. Sehr viele interessierte Gäste waren ins Rathaus gekommen, um den Ausführungen der Leiter des Jobcenters und der Agentur für Arbeit in Starnberg zu folgen, sowie den Beiträgen von Landrat Karl Roth und einiger Unternehmer, die bereits Erfahrung mit angestellten Geflüchteten gesammelt haben. Ein informativer Abend über die aktuelle Situation im Landkreis und über die mannigfaltigen Aufgaben, die durch den Zuzug in den Ämtern und bei allen Helfern entstanden sind.

Der 2. Bürgermeister Hans-Jürgen Böckelmann übernahm die Begrüßung der Gäste zu diesem Abend. Er freue sich über so viel Interesse an diesem Thema und dass Dirk Dieber von der Agentur für Arbeit, Gerhart Schindler vom Jobcenter und Landrat Karl Roth der Einladung gefolgt waren. Auch Hannelore Doch, die Koordinatorin der Helferkreise in Herrsching war gekommen.
Den Beginn machte der Leiter der Agentur für Arbeit, Dirk Dieber. Anhand einiger Zahlen erläuterte er die Situation im Landkreis. Im Jahr 2016 hatten 300 Geflüchtete ein Beschäftigungsverhältnis aufgenommen, 27 Menschen eine Berufsausbildung begonnen, 300 Förderfälle für Weiterbildungen und 32 Erstqualifizierungen. Darüberhinaus natürlich noch viele Kinder und Jugendliche, die in den Vorschulklassen, Schulen und Berufsschulklassen unterrichtet werden und Beschäftigungsverhältnisse wie 1 Euro-Jobs oder Praktika. Besonders glücklich zeigte er sich über eine Nachricht, die ihn an diesem Mittag erreicht hatte: die Geflüchteten aus Afghanistan waren wieder als eine Gruppe mit hoher Bleibeperspektive eingestuft worden und könnten demzufolge wieder in die Förderprogramme mitaufgenommen werden. Diese Bevölkerungsgruppe stellt im Landkreis einen hohen Prozentsatz der Geflüchteten dar.
„Wer eine hohe Bleibeperspektive hat, der erhält von uns auch eine Arbeitserlaubnis" bekräftigte Landrat Roth seine Haltung. Als besonders förderlich für den Sprachförderung hätten sich duale Formen der Beschäftigung erwiesen, bei denen Sprachkurse und berufliche Praxis miteinander gekoppelt sind. Ausreichende Sprachkenntnisse seien unbedingte Voraussetzung dafür, die Geflüchteten in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Dirk Dieber warnte an dieser Stelle davor, die Menschen vorschnell in Arbeitsverhältnisse zu bringen, ohne vorher die Integrations- und Sprachkurse zu absolvieren. „Etwa 70 % der Asylbewerber im Landkreis beherrschen die Sprache gerade mal radebrechend" und der Mangel an Sprachkenntnissen würde häufig dazu führen, dass ein Job vorschnell beendet würde.

Asyl Arbeit 1

Viele Menschen auch aus anderen Orten kamen zu der Veranstaltung im Rathaus zum Thema Asyl und Arbeitsmarkt im Rahmen der Woche „Asyl ist Menschenrecht"

Über sehr positive Erfahrungen mit der Anstellung von Geflüchteten in ihrem Betrieb berichteten daraufhin drei Unternehmer. Als „Glücksgriff" bezeichnete der Zahnarzt Karlheinz Ketterer eine Asylbewerberin aus Afghanistan, die bei ihm arbeitet. Innerhalb kürzester Zeit hätte sie sich vollständig in die Arbeitsabläufe integriert und alle Instrumente benennen können. Er wies an dieser Stelle auf den eklatanten Mangel an Zahnarzthelferinnen hin, die im Landkreis herrsche. „Ich kann nur jedem Arbeitgeber raten, es zu versuchen, denn wir brauchen diese Leute wirklich."
Ähnlich begeistert zeigte sich Stefan Schneider aus Breitbrunn, der eigentlich gar nicht vorhatte, jemanden einzustellen – und sich es jetzt gar nicht mehr ohne den 38-jährigen Konditor aus Damaskus vorstellen kann. Derart passioniert verrichte er seine Arbeit als Chocolatier, dass immer mal wieder auftretende Sprachprobleme nebensächlich wären. Auch über zwei festangestellte Helferinnen in einem Hechendorfer Gewürzladen wurde nur gutes berichtet – wohingegen Rita Kordel vom Andechser Hof auch gegenteilige Erfahrungen machen musste mit angepriesenen Helfern, die schlicht die Arbeitsaufnahme verweigerten.
Welche Handhabe man in diesem Fall hat, welche Förderungen für die Arbeitgeber möglich seien und viele andere wichtige Fragen mehr – auch darüber wurde an diesem Abend gesprochen. Sehr informativ waren an dieser Stelle auch die Ausführungen von Gerhart Schindler vom Jobcenter. Sobald ein Asylbewerber anerkannt wird, ist er automatisch hier ein Kunde mit den gleichen Auflagen wie andere Langzeitarbeitslose. Sein Aufgabenspektrum hat sich demzufolge in der letzten Zeit sehr gewachsen und so berichtete er nicht ohne stolz, dass sein Amt zu einem der besten Jobcenter in Bayern gewählt wurde. Ihm liegt an einer engen Zusammenarbeit mit den Helferkreisen und Jobguides „ohne deren Arbeit es nicht ginge und die für uns Brücken zu den Unternehmen bilden".
Als „wahnsinnige Mammutaufgabe", die man sich nicht freiwillig ausgesucht habe, bezeichnete Landrat Roth die Situation. Noch stünde man ganz am Anfang und es wäre wichtig, sich selber für die Bewältigung zu qualifizieren. Auch wünsche er sich mehr Hilfe von „oben", besonders hinsichtlich des fehlenden Wohnraums. Roth pries an dieser Stelle die Organisation dieser Woche in Herrsching an, die in so vielen Facetten das Thema behandle. „Vielen Dank!"

Es berichtete für Sie Barbara Geiling

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