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Was wäre unsere Gesellschaft ohne das Ehrenamt? Die Herrschinger Insel lud im Rahmen ihrer Herbstreihe zu einem Vortrag mit anschließender Podiumsdiskussion

Kategorie: Veranstaltungen Veröffentlicht: 09. November 2017

Fast unmöglich sich vorzustellen, wie es bei uns ohne die vielen ehrenamtlichen Helfer aussehen würde. Da wären die Sportvereine ohne Trainer und ganz viele Gruppen ohne Leitung. Das Chaos mit den Geflüchteten wäre perfekt und viele Menschen mit Problemen stünden alleine da. Grundlagen unserer Demokratie und des Miteinanders in unserer Gesellschaft werden getragen von dem vielfältigen Engagement zahlreicher Bürger. Aber sind sie damit Lückenbüßer oder sind sie Wegbereiter für eine lebendige Bürgergesellschaft? Dieser Frage wollten Barbara Maier-Steiger mit einer umfassenden Einführung sowie eine ausgewählte Reihe ehrenamtlich engagierter Herrschinger in einer Diskussion auf den Grund gehen.

„Ohne Ehrenamtliche würden wir alle nicht hier sitzen" konstatiert die Leiterin der Herrschinger Insel, Barbara Maier-Steiger, grinsend. Denn ohne die Initiative verschiedener Gruppen, wäre diese Einrichtung vor 10 Jahren gar nicht entstanden und es gäbe keine derartige Anlauf- und Beratungsstelle im Ort. In einem informativen Vortrag ging die Leiterin dann auf viele Daten und Fakten rund um das Ehrenamt ein. Wie ist es eigentlich definiert, die geschichtliche Entwicklung und der Vergleich des Engagements in anderen Ländern.
Als „altruistisches Handeln" wird es gekennzeichnet, bei dem Einzelne oder eine Gruppe freiwillig und unentgeltlich eine gemeinwohlorientierte Arbeit leistet. Diese Tätigkeit kann sich von einmal im Jahr Kuchen backen bis hin zu einer 40-Stunden-Woche ausdehnen. Bereits in der römisch/griechischen Antike wurde der freiwillige Einsatz für die Gemeinde dokumentiert und in Europa trugen wohl auch die klimatischen Bedingungen dazu bei, sich bei Kälte und in der Not beizustehen. Im Christentum erfuhr das Ehrenamt durch das Gebot der Nächstenliebe eine neue Motivation und mündete in der Gründung von Stiftungen/Verbänden, die zum Teil bis heute Bestand haben. Und so alt diese Form der Hilfe auch ist, so meint Frau Maier-Steiger nach ihrer Recherche einen Unterschied zwischen früher und heute ausmachen zu können: während vormals das Ehrenamt mit Aufopferung und Selbstlosigkeit verbunden wurde, verbindet man mittlerweile damit auch eine Art Selbstverwirklichung und Orientierung an eigenen Bedürfnissen. Dem eigenen Leben mehr Sinnhaftigkeit zu geben kann durchaus ein positiver Nebeneffekt sein, ebenso wie der Aufbau eines neuen Netzwerkes an Freunden.
Interessant auch der Vergleich zu anderen Ländern: Hatte noch Frank-Walter Steinmeier in seiner Antrittsrede zum Bundespräsidenten betont, wie einmalig Deutschland in diesem Engagement hervortritt, so spricht die Statistik eine andere Sprache. Obwohl sich immerhin 47% der Deutschen ehrenamtlich betätigen, gibt es doch eine ganze Reihe anderer Länder – wie z.B. ganz vorne die USA – in denen der Anteil noch höher ist.
Doch trotz aller Vorteile stellt sich natürlich die Frage, inwieweit die Freiwilligenarbeit (nur) Lösung einer Finanznot, bzw. Personalmangels ist? Wann nehmen Freiwillige den Arbeitslosen mögliche Arbeitsplätze weg? Diese und andere Fragen wurden von den Teilnehmern der Diskussion und ihrer Moderatorin Ilse Onnasch aufgegriffen.
Wahre „Ehrenamtsspezialisten" waren hier zusammengekommen, mit Karen Becker (Herrschinger Tafel), Claus Wecker (Fair Trade; Verein " Wir schaffen das"), Katrin Hussmann (Pfarrerin der evangelischen Kirche) und Hannelore Doch (Gemeinderätin; Integrationsbeauftragte; Vorsitzendende TSV). Ein bisschen „reingerutscht" sind sie wohl alle in ihre Aufgaben, „und dann vergisst man das Aufhören", wie Hannelore Doch schmunzelnd anmerkte. Claus Wecker dagegen findet sich im Argument der Sinnhaftigkeit wieder. Sein Rentenalter mit Golfspielen zu verbringen schien ihm gleich eines Damoklesschwertes zu sein – und außerdem wollte er die Zeit nutzen, der Gegenseite seines Berufslebens Gehör zu verschaffen. Als global agierender Anwalt hatte er zu oft mit Menschen zu tun, die ohne ausreichenden Rechtsbeistand ihre Position nicht vertreten konnten.

Ehrenamt 2

Lebendig von der Vorsitzenden der Herrschinger Insel Ilse Onnasch moderiert, diskutierten Barbara Maier-Steiger, Karen Bauer, Claus Wecker und Hannelore Doch über Probleme und Vorteile des Ehrenamts

Die Runde sprach auch über die Probleme in ihrer Tätigkeit. Die Akzeptanz sei allgemein sehr gut betonten alle – Schwierigkeiten kämen vor allem durch bürokratische Hindernisse, die z.B. Karen Bauer viel Zeit rauben und Hannelore Doch manchmal wütend machen. Die Integrationsbeauftragte hat oft das Gefühl, ausgenutzt zu werden, wenn ihre Helfer und sie von erfolglosen Behördengängen zurückkommen, ihnen Klötze vom Landratsamt in den Weg gelegt werden, sie mit vielen Problemen wie z.B. der Wohnungssuche alleine gelassen werden u.a.m. „Wenn wir jetzt sagen, wir wollen nicht mehr – was würden sie tun?" Bei ihr ist der zeitliche Aufwand für das Ehrenamt immens „und so etwas geht auch nur, wenn der Partner voll hinter dir steht". Den Zeitfaktor sieht Katrin Hussmann als großes Problem allgemein. Wo mittlerweile auch die meisten Frauen mit zum Lebensunterhalt beitragen, fehlt bei einer bestimmten Altersstruktur schlichtweg die Zeit zum Ehrenamt – wo zudem noch viele Einsatzmöglichkeiten in Konkurrenz zueinander stehen.
Und so konnten als Konsens für diesen Abend ein paar gemeinsame Nenner gefunden werden: Ehrenamt macht Spaß, erfüllt und erhält ständig neue Impulse – doch muss der zeitliche Rahmen stimmen und die Voraussetzungen von behördlicher Seite in vielen Bereichen verbessert werden. Anerkennen statt ausnützen trifft es für die Flüchtlingshilfe vielleicht am besten und „ergänzen statt ersetzen" ganz allgemein, wie der Deutsche Berufsverband für Soziale Arbeit e.V. das Anforderungsprofil definiert.
Einen tröstlichen Gedanken auf jeden Fall konnte Barbara Maier-Steiger allen Ehrenamtlichen noch auf den Weg geben: „Wer sich ehrenamtlich engagiert, lebt länger!" So haben es Wissenschaftler herausgefunden.

Für Sie berichtete Barbara Geiling

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