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Heimat - Bei den Gesprächstagen der Evangelischen Kirchengemeinde versuchen Christian Schiller und Steffen-Sebastian Bolz den Heimatbegriff mit neuem Leben zu füllen

Kategorie: Veranstaltungen Veröffentlicht: 29. März 2018

Heimat. Dieser Begriff hat in den letzten Jahren eine regelrechte Renaissance erlebt. Ein bayerisches Heimatministerium gibt es schon seit einigen Jahren, Horst Seehofer hat den Begriff nun auch nach Berlin exportiert. Doch was hat es eigentlich auf sich, mit diesem Wort, das so nach Alpenpanorama und Trachtenverein klingt? Dem wollte die Evangelische Kirchengemeinde näher auf die Spur gehen und widmet die diesjährigen Gesprächstage genau diesem Thema. Unter dem Motto „Heimat ist nicht nur Lederhosen - Heimat, nur ein sentimentales Gefühl?" stellten sich Bürgermeister Christian Schiller und Arzt Professor Steffen-Sebastian Bolz den Fragen von Diakon Hans-Hermann Weinen.


Man könnte glauben, die Gäste hätten ganz unterschiedliche Vorstellungen, von dem, was Heimat ausmacht. Schiller ist schließlich als Bürgermeister tief verwurzelt im Ort, war in Wasserwacht und Rettungsdienst aktiv und lebt bereits seit seiner Kindheit in Herrsching, während Bolz, geboren in Lüneburg, bereits an vielen Orten gelebt hat, bis er schließlich vor wenigen Jahren mit seiner Familie aus Kanada nach Herrsching zog. Auch heute noch verbringt der Arzt viel Zeit in Toronto, wo er einen Lehrstuhl inne hat. Dennoch: die Heimatbegriffe der beiden Gesprächsteilnehmer unterscheiden sich kaum. Heimat, dazu gehöre für ihn zunächst einmal die Familie, aber auch die eigene Kindheit, die innere Verbundenheit, so Schiller. Bolz pflichtet ihm bei. Außerdem, so der Arzt, seien es für ihn auch Sprache und Gepflogenheiten, die eine Rolle spielten. Nur wer diese verstehe, könne auch wirklich heimisch werden. An einem bestimmten Ort geboren zu sein, macht diesen jedenfalls noch lange nicht zur Heimat, da sind sich beide einig. Schiller kann das auch aus seiner eigenen Erfahrung bestätigen: Seine Frau Eva ist zwar gebürtige Herrschingerin, hat den Ort jedoch in ihrer Kindheit verlassen, um erst im Erwachsenenalter zurück zu kehren. Bis sie sich aber wirklich heimisch fühlte, sollte es einige Jahre dauern, erzählt er Bürgermeister.


Wenn man Heimat nur als ein Stück Land begreift, kann das auch schnell gefährlich werden, fügt Bolz hinzu. Sein Großvater, ein Vertriebener, hatte bis zu seinem Tod ein Gefäß mit „Heimaterde" auf seinem Fernseher stehen. Er hatte seinem Sohn aufgetragen, sie von einer Reise mitzubringen. Heimat so sehr auf eine Hand voll Erde zu reduzieren, hält Bolz für falsch. Wenn der Begriff zu sehr auf einen geographischen Ort reduziert werde, entstehe auch schnell Ausgrenzung, so der Arzt, und diese wiederum mündet nicht selten in gefährlichem Nationalismus. Ein Beispiel für einen falsch verstandenen Heimatbegriff ist für Schiller ist auch die aktuelle Kontroverse um die Bebauung der Breitbrunner Klosterwiese. Vehement wehren sich Anwohner, die selbst teils noch nicht lange dort leben gegen das dort geplante Einheimischenmodell. Heimat darf aber nicht bedeuten, andere davon auszuschließen, sondern müsse auch heißen, ihnen eine Chance zu geben, ebenso ein Zuhause zu finden, wie man selbst es getan hat, so der Rathauschef.

Heimat Foto

Heimat ist mehr als einfach bloß eine Ort, da sind sich Christian Schiller (l.) und Steffen-Sebastian Bolz (r.) einig.


Heimat, das wird an diesem Abend klar, ist also mehr als ein „sentimentales Gefühl", dennoch aber vor allem eine Empfindung. Als er die neunjährige Tochter eines befreundeten Paares gefragt habe, was denn Heimat für sie sei, berichtet Bolz, habe diese ihm geantwortet: „Das ist da, wo die Menschen sind, die mich lieben." Damit, habe sie es doch ziemlich gut getroffen, findet der Arzt. Schiller sieht das ganz ähnlich. Wer heimisch werden will, muss Teil einer Gemeinschaft sein. „Zuhause auf dem Sofa gelingt das nicht." Ein Ehrenamt sei da die beste Möglichkeit Anschluss zu finden. Gastgeber Hanns-Hermann Weinen hat eine ganz ähnliche Erfahrung gemacht. Auch er habe sich nicht leicht damit getan nach einem Umzug in der Kindheit Anschluss im neuen Ort zu finden. Sein Engagement in der Evangelischen Jugend jedoch hat ihm dabei geholfen, wieder Teil der Gemeinschaft zu werden. Heimat, so findet auch er, kann aber eigentlich überall sein.

 

Für Sie berichtete Marcella Rau

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