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100 Jahre Freistaat Bayern – Der Versuch einer Bilanz - Die evangelische Gemeinde lud gemeinsam mit dem Freundeskreis Herrsching der ev. Akademie Tutzing e.V. zu einem informativen Vortrag

Kategorie: Veranstaltungen Veröffentlicht: 12. Juli 2019

„Mia san mia!" So viel ist schon mal klar! Aber woher kommt eigentlich dieses Selbstverständnis, dass viele Bayern doch mit einer gewissen Selbstverständlichkeit vor sich hertragen? Warum heißt es Freistaat? Welche Rolle haben die Rechten in der politischen Entwicklung dieses Bundeslandes gespielt und wem oder was verdanken wir die wirtschaftliche Sonderstellung?
Dr. Wolfgang Reinicke aus dem Haus der Bayrischen Geschichte nahm die Gäste mit auf einen spannenden Streifzug durch 100 Jahre Geschichte. Auf ein Ineinandergreifen von Verflechtungen, Zufällen und Scheidewegen, die unser Leben heute noch beeinflussen. Mit in einen so unterhaltsam vorgetragenen und gleichsam aufschlussreichen Geschichtsunterricht, wie wir es unseren Schulkindern nur wünschen können.

Bayern steht glänzend da. Ein hochmoderner Wirtschaftsstandort, der sämtliche Rankings anführt und mit seinem Arbeitsangebot viele Menschen aus anderen Teilen Deutschlands und der Welt anlockt. Aber das war beileibe nicht immer so, wie Dr. Reinicke ausführte. 100 Jahre ist der Freistaat jetzt alt und seine Entstehung geht auf eine sehr schwere Phase für die Bevölkerung zurück. „Die gute alte Zeit", wie die Epoche unter Prinzregent Luitpold gerne genannt wird, hatte der bayrischen Bevölkerung einen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufschwung beschert. 1912 stirbt der angesehene Regent und kurze Zeit später brach der 1. Weltkrieg aus. „Eine ganz wichtige Zäsur für Bayern", wie Dr. Reinicke betont. Nicht als Sieger gehen sie aus dem Krieg hervor, wie vorher geglaubt, sondern als Verlierer. Bayern verliert ca. 200.000 Soldaten und damit junge Männer, die daheim fehlen. Und auf oftmals traumatisierte Rückkehrer wartet eine Heimat, die hungert und durch eine große Grippeepidemie geschwächt ist.

Bayernvortrag 1

Die Organisatoren des Vortrags über die Geschichte des Freistaats Bayern, Mia Schmidt und Hans-Herman Weinen, freuten sich mit Dr. Wolfgang Reinicke einen so begnadeten Redner gefunden zu haben und luden die Gäste im Anschluss noch ein auf eine zünftige bayrische Brotzeit im Garten.

1918/19 dann die Revolution in München durch die USPD. Kurt Eisner ruft den „Freistaat" Bayern aus – ein Staat „frei" von Adelsprivilegien. Eine Abkehr vom Deutschen Reich und der Monarchie, in dem sich auch das Frauenwahlrecht und der 8-Stunden Arbeitstag durchsetzt.
Doch nicht alle sind zufrieden mit dieser Entwicklung und rechtsgerichtete Kreise sähen Unfrieden in der Bevölkerung. „Sog. Fake-News sind keine Erfindung Donald Trumps" betont der Historiker. Der Krieg „eigentlich" nicht verloren sondern vielmehr seien die Sozialisten schuldig an den Umständen. Kurt Eisner wird ermordet, eine zunehmende Radikalisierung setzt ein und die NSDAP erstarkt. „Das politische Klima war vergiftet" umreißt Wolfgang Reinicke die Situation, in der die NS in Bayern ihre Keimzelle entwickelt. 1933 festigen sie ihre Macht durch die Wahlen und das Bundesland bleibt bis zum Kriegsende stets im Fokus dieser Partei.
„Für Bayerns Geschichte war nach Kriegsende die Zuordnung ihrer Besatzungszone ein großes Glück" betont der Historiker. Schnelle Demokratisierung, schnelle Entnazifizierung und Wiederausrufung des Freistaats, in dem die politischen Rahmenbedingungen festgelegt werden. Ganz viel Augenmerk wird jetzt nach diesen unruhigen Zeiten auf politische Stabilität gelegt Das Amt des Ministerpräsidenten gefestigt und ein Senat gewählt, in dem keine politischen Würdenträger sitzen.
Seit Kriegsende ebenfalls entscheidend für Bayerns Entwicklung war die Zuwanderung. Mehr als 2 Mio. Flüchtlinge kommen und der Freistaat profitiert von diesem enormen Bevölkerungszuwachs. Der Not in dem an Rohstoffen armen Bundesland folgt ein wirtschaftlicher Aufschwung. Wo anfangs die Landwirtschaft ein wichtiger Faktor ist, übernimmt die industrielle Entwicklung eine führende Rolle. In der Energiegewinnung übernehmen sie eine Vorreiterrolle und dann ist da nicht zuletzt die Autoindustrie, an der noch heute 40% der Arbeitsplätze hängen. Auch als Forschungsstandort zeigt Bayern Flagge mit seiner flächendeckenden Ansiedlung von Universitäten.
Und darüber hinaus?
„Bayern war und ist ein widerspenstiges Bundesland", ein „Hüter des Föderalismus". Nur sie lehnten 1949 das Grundgesetz ab und betonen ihre Eigenstaatlichkeit. Nur sie haben Landesvertretungen in Brüssel, Prag und in Berlin und wollen vor Ort sein, wenn wichtige Entscheidungen gefällt werden. Und nur hier gibt es eine Partei, die schon seit 1957 ununterbrochen an der Macht ist, was die CSU zur erfolgreichsten Partei in ganz Europa macht. Und nicht zuletzt ist es das Bundesland mit den meisten Volksentscheiden und mit Politikern, die ihre Idee der Freistaatlichkeit nach dem Fall der Mauer in die neuen Bundesländer exportiert hat.
Der Kurator vom Haus der Bayrischen Geschichte fesselte die Gäste im evangelischen Gemeindehaus. Spannend und ohne Skript erhellte er Zusammenhänge, zog Parallelen zu Heute und machte Lust auf weiterführende Recherchen. Und Lust auf die Fahrt ins Haus der Bayrischen Geschichte in Regensburg!

Für Sie berichtete Barbara Geiling

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