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„We are Family!“ Das Ammerseer Bauerntheater gerät mit ihrem Stück „Genug ist nicht genug“ in die Untiefen einer Familienidylle

Kategorie: Veranstaltungen Veröffentlicht: 15. Oktober 2019

„Eine Katastrophe ist ein unvorhergesehenes Ereignis – das kannst Du hiermit nicht meinen!" Schwägerin Evelyns Analyse der Geburtstagsfeier von Erich mag scharfsinnig und richtig sein. Doch wenn das Geburtstagskind ein Ekelpaket ist und dazu einen schlechten Tag hat, alle eingeladenen Gäste absagen und nur der engste – und gar nicht mal so harmonische Familienkreis – übrig bleibt: wie kann man dieses „Fest" dann anders umschreiben? Die meisten der bekannten und allgemein vertretbaren Adjektive scheinen ein wenig zu harmlos für dieses denkwürdige Familienidyll, das die Mitglieder des Ammerseer Bauerntheaters hier auf die Bühne gebracht haben. Dann also eine Katastrophe mit Ansage, durch die sich die Ensemblemitglieder hier mit scharfzüngigen Schlagabtauschen, vielen Gefühlen und Temperament hindurchlavieren. Und sehr lebendig zeigten, wenn genug eben nicht genug ist.

So ungewöhnlich dieses Stück von Nick Walsh ist, so ungewöhnlich auch der Einstieg in diesen Theaterabend im ArtHotel. Eine große Leinwand beherrscht die Bühne und gezeigt wird ein kurzer Abspann: Auto vor Ampel, dahinter ein imposanter amerikanischer Schlitten mit Traumbesetzung in Form von graumeliert und langhaariger Blondine. Im vorderen Wagen sitzt Geburtstagskind Erich (Rainer Bartsch), der statt die grüne Ampel zu nutzen in seiner Musik herumkramt. Die Kritik darüber endet mit einem Schlag seiner rechten – und katapultiert die Zuschauer direkt in das festlich geschmückte Heim des Jubilars.
Denn Ehefrau Helga (Manuela Gschoßmann) hat es sich nicht nehmen lassen, den 60. Geburtstag ihres Gatten standesgemäß zu gestalten. Doch was tun, wenn alle Gäste bis auf die eigene Schwester Evelyn (Isabella Leihener) samt Gemahl Hagen (Ralf Bürklen) nach und nach absagen? Wenn der Gatte in einer noch schlechteren Laune als gewöhnlich schon im Vorfeld die Nase voll hat? Für den Gäste sowieso nur „Arschkriecher" sind vor deren Erscheinen eine Tollwood-Impfung angebracht wäre? Früh lässt sich erahnen, dass diese Feier keinen sehr harmonischen Lauf nehmen wird. Doch bevor es zum Äußersten kommt, schneit plötzlich Mama Hetti (Monika Nebel) aus Amerika hinein, die ihren brandaktuellen Lover vorstellen möchte. Die dann aber leider mit ihrer egozentrischen Art eher Öl ins Feuer gießt, als dem Familienfrieden dienlich ist. Und die Situation schließlich gänzlich entgleisen lässt? Nein, denn irgendwann ist dann doch der Punkt erreicht, wo Blut dicker als Wasser ist. Und wo man zusammenstehen muss, wenn graumelierte Vorzeigefahrer zwar das nötige Kleingeld zur familieneigenen Firmenrettung hätten - aber in der Wahl ihrer Begleiterin den Stiefkindern in Spe eine ungewollte Vorlage liefern.

Theater Genug 1

Eine gelungene Geburtstagsfeier mag anders aussehen, aber temperamentvolle Stimmung gab es durchaus beim 60. von Scheusal Erich. V.l.: Ralf Bürklen, Rainer Bartsch, Manuela Gschoßmann, Isabella Leihener und Monika Nebel

Ein Bühnenbild, ein Tisch und darum herum eine geballte Ladung an Gefühlen: keine leichte Aufgabe für die Darsteller dieses Theaterstücks! Regisseurin Claudia Pauker ist entsprechend stolz auf die Leistung ihrer Besetzung nach dem Premierenabend. Noch ekeliger als ekelig spielte Gründungsmitglied Rainer Bartsch seine Hauptrolle und verpasste keine Gelegenheit alle Antipathien auf sich zu versammeln. Gleichsam wie Ralf Bürklen kein Fettnäpfchen ausließ, in das man hätte stolpern können – und mit seiner unbeholfenen Art die überschüssigen Sympathien für sich verbuchte. Isabella Leihener schließlich als eleganter Gegenpart zu Erich: eigentlich nur sie behauptet sich mit scharfzüngigen Spitzen gegen den Hausherren und versucht dabei auch die Schwester aus der Schusslinie zu nehmen. Denn Manuela Gschoßmann spielt die Rolle der grauen Ehe-Maus derart überzeugend, dass Hilfe dringend angebracht ist. Und Monika Nebel? Sie geht auf in der Rolle der nicht nur leicht exzentrischen Wahl-Amerikanerin, die mit dem neu an Land gezogenen „Super-Daddy" alles in Lot bringen will.

Theater Genug 2

Nach 2 Akten Dauer-Kabbelei auf der Bühne freuten sich die Mitglieder des Ammerseer Bauerntheaters über den kräftigen Applaus des Publikums. V.l.: Manuela Gschoßmann, Rainer Bartsch, Monika Nebel, Isabella Leihener und Ralf Bürklen

Für Regisseurin Claudia Pauker war dieses Stück von Nick Walsh eine große Herausforderung. Das Drehbuch musste an die örtlichen Gegebenheiten angepasst werden. Die Suche nach einem adäquaten amerikanischen Auto samt Insassen. Den Spannungsbogen hochhalten bei minimalem Szenenwechsel. Eine Herausforderung, der sich die Mitglieder des Ammerseer Bauerntheaters auch diesmal wieder gewachsen zeigten!

Für Sie berichtete Barbara Geiling

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