Bürgermeister Christian Schiller über harte Einschnitte, große Projekte und 1250 Jahre Herrsching

Kategorie: Aktuelles

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Heiko Schmidt vom Herrschinger Spiegel im Jahresgespräch mit Bürgermeister Christian Schiller.

Viele Herausforderungen, ein großes Jubiläum

Das Jahr 2026 ist gestartet und auch die Gemeinde muss sich neuen Herausforderungen stellen. Welche Aufgaben anstehen und wie sie bewältigt werden können, darüber spricht Heiko Schmidt vom Herrschinger Spiegel mit Bürgermeister Christian Schiller.

Heuer steht ein ganz besonderes Jubiläum an: 1250 Jahre Ortsgeschichte. Herrsching steht aber vor massiven finanziellen Herausforderungen. Wird die 1250-Jahresfeier zu einer Sparparty?
Diese finanziellen Herausforderungen, die wir aktuell bewältigen müssen, haben wir in Herrsching so noch nie gehabt. Verschiedene Effekte, die uns massiv einschränken, kommen gleichzeitig zusammen. Aber es war von Anfang an klar, dass der Gemeinderat an die Feierlichkeiten zum Jubiläum und am Budget mit 100.000 Euro für den Verein 1250-Jahrfeier festhält und das auch so bewilligt hat. Für eine angemessene Feierlichkeit sind alle Ampeln auf grün.

Um auf das Thema Finanzen zurückzukommen – war die hohe Gewerbesteuerrückzahlung absehbar? Wie genau kam das zustande?
Wir haben in Herrsching grundsätzlich einen guten Mix an Gewerbesteuerzahlern, darunter sind auch international tätige Firmen. Eine davon hat eine Niederlassung in Herrsching und ist damit in der Gemeinde gewerbesteuerpflichtig. Der Mutterkonzern aber hat seinen Sitz im Ausland. Aufgrund eines internationalen Steuerabkommens kam es coronabedingt zu einer rückwirkenden Verrechnung von Ergebnissen, wodurch positive Erträge in Herrsching mit hohen Verlusten im Ausland ausgeglichen wurden. Es stellte sich heraus, dass knapp 2 Millionen Euro Rückzahlung zu leisten sind. Hinzu kommt, dass die Vorauszahlungen, die wir erwartet und einkalkuliert haben reduziert wurden. Damit entgehen uns etwa 3 Millionen Euro Gewerbesteuer. Das war definitiv nicht absehbar.

Wenn Sie jetzt den Rotstift ansetzen, müssen sämtliche Vereine leer ausgehen? Gibt es Ausnahmen bei den freiwilligen Leistungen?
Natürlich ist eine Konzentration auf die Pflichtaufgaben notwendig. Wir haben uns aber im Gemeinderat mit großer Mehrheit darauf verständigt, dass unsere Ehrenamtlichen und unsere Vereine nicht ganz auf Unterstützung verzichten können. Allerdings mussten wir die freiwilligen Leitungen hinsichtlich der Vereinszuschüsse kürzen. Beispielsweise wurde der Jugendzuschuss, der mit 60 Euro pro Jugendlichem pro Jahr von der Gemeinde an die Vereine gezahlt wird, auf 30 Euro gekürzt. Wenn allerdings wirklich Not am Mann ist, versuchen wir auch zu helfen. Die Herrschinger Insel beispielsweise, die einen Personalkostenzuschuss braucht, um überhaupt ihre Arbeit machen zu können, können wir nicht einfach auf null reduzieren. Wir haben uns jeden Verein angeschaut, aber aktuell sind wir leider nicht in der Lage, Sonderinvestitionen der Vereine noch zusätzlich zu unterstützen. Hinsichtlich der 1250 Jahrfeier war sich der Gemeinderat einig, dass diese freiwillige Leistung auch als Anerkennung für die ehrenamtlichen Arbeit der Vereine definitiv auch so stattfinden soll und nichts eingekürzt wurde.

Wieviel wurde bei den freiwilligen Leistungen eingespart?
In Spitzenzeiten haben wir rund 2,2 Millionen Euro an freiwilligen Leistungen eingerechnet. Jetzt sparen wir einen 6-stelligen Betrag ein. Zum Thema Kreisumlage möchte ich noch sagen, dass wir mit dem Gemeinderat die Situation der hohen Kreisumlage rechtzeitig gesehen haben und bereits in der ersten Jahreshälfte 2025 sowohl die Vereine darauf vorbereitet, als auch mit dem Gemeinderat eine Sonderklausur zu dieser Finanzsituation abgehalten haben.

Gibt es noch andere Bereiche, die dem Rotstift zum Opfer gefallen sind?
Laufende Projekte verfolgen wir weiter, aber in diesem Jahr sind wir mit neuen Investitionen zurückhaltend. Auch unser größtes Bauprojekt, bezahlbarer Wohnraum am Mitterweg, läuft weiter. Das belastet natürlich unseren Haushalt, es wurde aber auch so einkalkuliert. Dafür erwarten wir knapp sieben Millionen Euro Fördergelder. Weitere Einsparungen werden erreicht, indem wir z. B. Stellennachbesetzungen in freiwilligen Bereichen aussetzen und dieses Jahr auf einen Betriebsausflug verzichten.

Mit Blick auf das vergangene Jahr – was ist Ihnen da am meisten in Erinnerung geblieben?
Es fing im vergangenen Frühjahr damit an, dass das kommunale Wohnbauförderprogramm, auf das wir uns als Gemeinde beim bezahlbaren Wohnraum am Mitterweg gestützt haben, laut der Staatsregierung ausgeschöpft sei und es keine Fördermittel mehr gebe. Wir hatten einen vorzeitigen Maßnahmenbeginn schon von der Staatsregierung bekommen und haben auf den Förderbescheid gewartet. Und wenn man bereits die Genehmigung zum vorzeitigen Maßnahmenbeginn hat, fängt man üblicherweise auch mit dem Projekt an. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt schon Aufträge in Höhe von rund zwei Millionen Euro vergeben. Es war ein regelrechter Schock für uns, als die Staatsregierung erklärte, dass es keine Gelder mehr gibt. Dank meiner langjährigen Erfahrung als Bürgermeister und meinem umfassenden Netzwerk habe ich nach intensiven Gesprächen mit der Staatsregierung, mit dem zuständigen Minister und den zuständigen Ressortleitern dann doch noch die Zusage bekommen, dass es für Herrsching weitergeht und wir weiterbauen dürfen. Kurz darauf erhielten wir auch den Förderbescheid. Mir ist ein riesiger Stein vom Herzen gefallen. Mein Fazit: Man darf den Kopf nicht in den Sand stecken, sondern muss kämpfen bis zum Schluss und alles zum Wohle der Gemeinde ausschöpfen.

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Was wäre passiert, wenn der Förderbescheid nicht gekommen wäre?
Wir hatten einige Aufträge ja schon vergeben… Theoretisch hätte man die Auftragnehmer um einen freiwilligen Verzicht bitten könne, rechtlich hätten sie jedoch einen Anspruch auf entgangenen Gewinn gehabt. Wir hätten also mindestens eine Teilzahlung leisten müssen, was bedeutet, dass die zwei Millionen Euro oder ein Teil davon verloren gewesen wären. Zudem hätten wir sämtliche Maßnahmen, Bautätigkeiten und Planungen sofort auf unbestimmte Zeit einstellen müssen. Viele Gemeinden in Bayern warten heute noch auf ihren Förderbescheid. > Was war für Sie das absolute Highlight in 2025? Das absolute Highlight war für mich die Eröffnung des Gymnasiums. Das war absolut gigantisch. Erst die Übergabe des Schulgebäudes am 15. September und am nächsten Tag die Eröffnung und Begrüßung der ersten rund 600 Schülerinnen und Schüler. Ich hatte an diesen zwei Tagen Tränen in den Augen. Und wenn man weiß, wieviel Herzblut und Lebenszeit in diesem Projekt steckt, für das ich fast 18 Jahre gekämpft habe, war das schon ein sehr großer und emotionaler Moment für mich. Eine weitere Feierlichkeit war der Spatenstich vom bezahlbaren Wohnbauprojekt am 19. Mai mit dem Minister Christian Bernreiter.

Welche negativen Erfahrungen haben Sie gemacht?
Leider sind Beleidigungen, Diffamierungen, und Unterstellungen seit Corona mehr geworden. Besonders jetzt zur Wahlkampfzeit hat das noch eine Schippe zugenommen – gerade auf Onlineplattformen und in Kommentarfunktionen. Anscheinend tut man sich leichter, in einer Anonymität mal schnell Beleidigungen über die Tasten fliegen zu lassen.

Wo sehen Sie als amtierender Bürgermeister Projekte, die man anschieben muss?
Das bezahlbare Wohnbauprojekt am Mitterweg muss auf alle Fälle planmäßig abgeschlossen werden. Momentan haben wir rund 70 Bewerbungen für 26 Wohnungen. Die Auswahl der Mieter- und Mieterinnen erfolgt nach Kriterien, die der Gemeinderat aufgestellt hat. Unter anderem müssen mindestens 60 Prozent aus der Daseinsvorsorge kommen. Weiter soll die nachhaltige Energieversorgung für Herrsching in Schwung kommen. Kürzlich war eine Startsitzung für die Machbarkeitsstudie Seethermie am Ammersee, die wir mit Interesse zusammen mit den anderen Anliegergemeinden begleiten. Wenn wir das Tal der Finanzkrise durchschritten haben, wollen wir außerdem unsere Seepromenade angehen. Hierzu gibt es bereits ein Sanierungskonzept. Die Klosterwiese in Breitbrunn ist ein weiteres wichtiges Wohnbauprojekt. Seit kurzem gibt es den aktuellen Beschluss, dass diese mit dem sogenannten „Bauturbo“ bebaut wird. Tatsächlich können diejenigen, die seit Jahren auf der Interessentenliste der St. Josefskongregation in Ursberg stehen, unter vergünstigten Bedingungen bauen. Viele der Grundstücke sollen mit Erbpacht vergeben werden und sind mit bis zu 50 Prozent reduziert, was ein tolles Angebot ist. Wir hoffen, dass schon heuer die ersten Bautätigkeiten beginnen können.

Welche Pläne gibt es für den Bahnhof? Er soll ja langfristig aufgehübscht werden.
Das Bahnhofsgebäude steht unter Denkmalschutz. Seit 2009 haben wir uns bei einem Gerichtsverfahren das Vorkaufsrecht für den Bahnhof erstritten. Allerdings gehören uns ganz viele Flächen rund um den Bahnhof noch nicht und so wie es aussieht, verkauft die Bahn auch momentan keine weiteren Flächen. Das macht das Nutzungskonzept des Bahnhofs nicht gerade einfacher. Der Gemeinderat hat über die zukünftigen Nutzungen im Bahnhof bereits entschieden, darunter eine Gastronomie, eine Kleinkunstbühne, ein Fahrkartenschalter sowie einige Wohnungen. Wir wissen aufgrund einiger Untersuchungen mit einem Architekten, dass wir mehrere Millionen Euro investieren müssen, um diesen Bahnhof unter den Gesichtspunkten des Denkmal- und des Brandschutzes überhaupt nutzbar zu machen. Der Innenbereich ist für eine Gaststätte sehr klein und eine Außengastronomie aufgrund fehlender Flächen kaum möglich. Darüber hinaus hat man festgestellt, dass die Fläche im unteren Bereich des Baugrunds kontaminiert ist. Allein diese Sanierung für Altlasten in Grund und Boden würde mehrere Millionen Euro verschlingen. Bestenfalls finden wir einen interessierten Investor und Pächter für die Gastronomie. Eventuell würden wir ihm dann einen sehr günstigen Erbpachtzins bieten und er saniert dafür das Gebäude, eventuell auch Teile der Außenflächen. Das Ganze ist sehr kompliziert und ich bin dankbar für jede realisierbare Lösung.

Wie sieht nachhaltige Wärme in Herrsching aus? Ein Wärmenetz würde rund 90 Millionen Euro kosten
Ja, wir sind eine der ersten Gemeinden, die mit der kommunalen Wärmeplanung komplett fertig sind. Tatsächlich gibt es nicht viele Möglichkeiten, Wärme zu generieren. Deswegen sind wir einerseits in der Machbarkeitsstudie für die Seethermie, andererseits ist auch Geothermie in Herrsching ein Thema. Auch einzelne individuelle Quartierlösungen müssen angedacht werden. Wir sollten auf alle Fälle vermeiden, dass wir oder unsere Bürgerinnen und Bürger von einem Lieferanten abhängig sind. Deshalb wäre ein breites Angebot wünschenswert, ähnlich dem heutigen Strommarkt. Auch das Wärmenetz muss am Ende von jemanden bezahlt werden. Zum Schluss ist es der Kunde, der dieses Wärmenetz abbezahlt. Für die Planung und Konzeption steht uns unser gemeinsames Kommunalunternehmen AWA Ammersee zur Seite.

Was ist Ihnen in den letzten Jahren positiv und was negativ in Erinnerung geblieben?
Negativ ist, dass die Respektlosigkeit gegenüber Mandatsträgern definitiv zugenommen hat. Positiv aber ist der Zuspruch, den ich nach 18 Jahre erfahren habe. Projekte wie das Gymnasium, bei dem ich nie lockergelassen habe, brachten ein sehr gutes Feedback. Das sind die positivsten Momente, wenn man sieht, dass es sich doch lohnt, sich für unsere Heimat zu engagieren.

Setzen Sie Prioritäten, wenn Sie wieder gewählt werden?
Projekte stehen an, Projekte laufen, aber Prioritäten muss man aufgrund der Finanzsituation auf alle Fälle setzen. Das muss auch ganz eng mit dem neuen Gemeinderat abgestimmt werden. Der jetzige Gemeinderat hat bereits viele Weichen für die Zukunft gestellt.

Gibt es etwas, was Sie noch machen oder zu Ende bringen möchten?
Der Bahnhof verfolgt mich schon seit Beginn meiner Amtszeit 2008. Mein Ziel wäre, dass wir dieses Bahnhofsareal einer zukunftsfähigen Nutzung im sanierten Zustand überführen könnten. Das ist sicher eines der Top Themen.

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Das Interview führten Heiko Schmidt und Nicole Burk.

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