Zwei Welten, zwei Großmütter und eine Gitarre
Am Freitag, den 27. Juni 2025 lud der Kulturverein Herrsching e.V. zu der Lesung „Großmütter“ mit musikalischer Umrahmung ins Kurparkschlösschen ein. Der Gitarrist Ricardo Volkert eröffnete die Veranstaltung mit einem spanischen Stück und die in der Wüste Taklamakan geborene, seit den 1990er Jahren in Deutschland lebende Shi Mei begann ihren 2024 erschienenen Erstlingsroman auf Deutsch vorzustellen. Der Roman „Tamarisken in der Wüste“ ist eine Familiensaga, die in China Anfang 1920 beginnt. Die Autorin erzählt darin die einerseits leidvolle und doch von Zuneigung geprägte Lebensgeschichte ihrer Großmutter mit großem Einfühlungsvermögen.
„Der kleinen Orchidee werden mit sechs Jahren die Fußknochen gebrochen und einbandagiert. Die so zu winzigen „Lotusblüten“ verkrüppelten Füße sollen ihre Chance erhöhen, später einen reichen Mann zu bekommen.“ so ist auf dem Klappentext zu lesen. Die Protagonistin Orchidee wird, der Tradition gemäß über eine Heiratsvermittlerin, mit gerade sechzehn Jahren an einen reichen Großgrundbesitzer verheiratet und bekommt insgesamt dreizehn Kinder, von denen allerdings nur fünf das Erwachsenenalter erreichen. Orchidee erlebt in der Beziehung zu ihrem Ehemann innige Zuneigung und kann so mit dem schmerzlichen Verlust ihrer Kinder, den familiären Intrigen und den gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten sowie politischen Kämpfen in der Zeit umgehen.
Die Tamariske, eine widerstandsfähige Pflanze, die sogar in kargen Wüsten blüht und gedeiht wird zum Sinnbild für Orchidee. Im Laufe ihres Lebens entwickelt sie sich trotz aller Widrigkeiten zu einer entscheidungsstarken Frau, die für sich und ihre Familie den Weg zwischen althergebrachter Tradition und der kommenden Moderne findet. Ihr Lebensweg spiegelt die politischen Ereignisse der Machtübernahme Mao Zedongs 1949, den folgenden Hungersnöten 1958 und 1961 sowie die Kulturrevolution 1966 in China wider.
Einen absoluten Gegensatz zu dem Wüstenepos bildet der 2023 erschienene, ebenfalls ein Erstlingsroman „Lebkuchen und andere Sterne“ von Leni Gwinner. Die zwar in den USA geborene, aber schon als Kind in der Nähe von München aufgewachsene Autorin erzählt ebenfalls eine Familiengeschichte. Diese hat einen eindeutig kulinarischen Einschlag und verfügt über eine gewaltige Portion Humor und Witz. Die Erzählung überbrückt einen Zeitraum von 150 Jahren, genauer von 1891 bis 2049 und hangelt sich an der Tradition des Lebkuchenbackens entlang. Sie beginnt mit Anna Oppermann, bei der lebkuchenteigknetend die Wehen zur Geburt ihrer Tochter Leopoldine einsetzen. Ein Stück dieses Lebkuchenteigs trocknet, erhärtet und überdauert so ein Jahr. Durch einen Zufall wird das Stückchen „historischer Teig“ in den frischen Teig des Folgejahres hineingeknetet und es entsteht die Tradition immer einen Teil des Teiges zu bewahren, um ihn weiterzuverwenden.
So wird der Teig zum Chronisten mehrerer Generationen und deren Erlebnisse zwischen Geburt und Tod, Kriegen und Tränen, Liebe und Glück, Aberwitzigem und Absurdem. Der Roman thematisiert auf eine sehr originelle Art und Weise, wie sich Traditionen bilden, wie sie sich wandeln und wie sie dem Menschen mit seinem Ritualbedürfnis in der Gesellschaft Halt geben und im kleinsten sozialen Gefüge -der Familie- Identität stiften können.
Den beiden Herrschinger Autorinnen Leni Gwinner und Mei Shi, die sich vor 8 Jahren in der Schreibwerkstatt der Gemeinde kennenlernten, gelang es einprägsam ihre Romane lebendig und korrespondierend zu präsentieren. Der Gitarrist Volkert ergänzt die abwechselnden Vorträge mit passendem Liedgut auf Spanisch und Englisch. So kamen die beiden Familiengeschichten mit so unterschiedlichen kulturellen Hintergründen -die vom traditionsreichen China schicksalshaft geprüfte Orchidee aus der Wüste Gobi und die Wiener Lebkuchenbäckerin mit ihrer einzigartig-exzentrischen Lebkuchentraditionbei dem interessierten Publikum sehr gut an.
Für Sie berichtete Catharina Geiselhart.








