Faschingssonntag mit Narrenpredigt

Kategorie: Kultur & Bildung

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Eine Predigt mit Nachhall

Die Faschingszeit macht in Herrsching selbst vor dem evangelischen Gotteshaus nicht halt. Bereits zum fünften Mal hielt Pastor Ulrich Haberl am Faschingssonntag in der Erlöserkirche eine Narrenpredigt in Reimen – und verwandelte den Gottesdienst damit einmal mehr in einen Ort, an dem Humor, Haltung und gesellschaftliche Verantwortung auf eindrucksvolle Weise zusammenkamen. Was sich auf den ersten Blick komisch, vielleicht sogar skurril anhört, entpuppte sich erneut als kongeniale Punktlandung – in mehrfacher Hinsicht. Närrische Predigten sind gelebte Tradition. Und als solche gilt: Narren dürfen, ja müssen die Wahrheit sagen – schonungslos und frei. Genau das machte sich Ulrich Haberl zunutze, um etwas zu tun, das vielen Kirchen heute abhandengekommen ist: offen Sozialkritik zu üben. Kritik an Missständen in der Welt und an Regimen, deren Handeln nicht mit christlichen Werten vereinbar ist. Eine moralische Stimme zu sein – gerade in Zeiten, in denen Moral zunehmend in den Hintergrund gerät und umso dringlicher ins Bewusstsein gerückt werden muss. Dass Pastor Haberl damit bei den Herrschingern Gehör findet, zeigte sich an der rappelvollen Kirche. Rund 180 Menschen drängten sich in die Erlöserkirche, standen bis hinten an die Tür, der letzte Sitzplatz war lange vor Beginn des Gottesdienstes besetzt. Nach dem regulären Beginn der Messe, zu dem Haberl in Pastorenrobe mit bunter Schleife erschien, verließ er die Kirche kurzzeitig. Traditionell kehrte er als Narr mit Kappe zurück, um in dieser Rolle, die mit Spannung erwartete Predigt zu halten. Der Einstieg gelang ihm augenzwinkernd: Er begrüßte die anwesenden Katholiken, die „auch einmal zum Lachen gekommen sind“, und bedauerte, dass der Gottesdienst beim Kollegen in der Nikolauskirche heute wohl etwas leerer ausfalle. Auch ließ er nicht unerwähnt, dass sich „protestantisch“ erstaunlich gut auf „gigantisch“ reimen lasse.

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Als sein Reim schließlich „drei Gestalten, die sich für die Größten halten“ galt, wurde es still in der Kirche. Deutlich sprach Haberl von den Staatsoberhäuptern der USA, Chinas und Russlands als „greisem Trio“, das Unruhe in der Welt stifte. Den Auftakt machte Donald Trump – mit dem Hinweis, dass sich „stur“ und „Diktatur“ nicht zufällig reimen. Scharfe Kritik übte er auch an jenen Christen in den USA, die Trump unterstützen, und stellte klar, dass dies nicht mit christlichen Werten vereinbar sei. Ebenso deutlich sprach der Narr die Menschenrechtsverletzungen des chinesischen Regimes um Xi Jinping sowie die Kriegsverbrechen Wladimir Putins an. Hier gelang Haberl eine brillante Brücke: Er zeigte auf, wie schmal der Grat zwischen König und Narr sei – und wie treffend sich beides im Begriff des „Narrenkönigs“ vereine. Der Weg von Macht zu Machtmissbrauch sei kurz, ebenso wie das Ego der genannten drei Greise. Humor hingegen, so Haberl, sei ein starkes Schild. Das zeige sich etwa am Beispiel Alexei Nawalnys, der Putin verspottete – und damit weniger Angst zeigte als umgekehrt Putin vor dem Spott. Auch die Rosenmontagszüge mit ihren von Jacques Tilly entworfenen satirischen Wagen seien Ausdruck dieser Kraft. Putins offenbar fragiles Selbstbewusstsein fühle sich davon derart bedroht, dass er in Moskau Prozesse nach alter KGB-Manier anstrenge – Prozesse gegen Humor und Pappmaché. So schloss sich der Kreis zu Fasching und Narrenkönigen auf groteske Weise. Nicht ohne Seitenhieb auf deutsche und bayerische Politiker betonte Haberl abschließend, dass all dies zeige, wie systemrelevant Kunst und Satire sind. Dem war nach dieser Rede kaum noch etwas hinzuzufügen. Schließlich legte er die Narrenkappe ab – nicht ohne den Gedanken, dass ein Mensch, der mit sich und seinem Glauben im Reinen sei, keine Königskappe brauche, um etwas darzustellen. Eine denkwürdige Geste und ein würdiger Abschluss einer Predigt, die unterhielt, zum Lachen brachte und zugleich zum Nachdenken anregte. Die Kirchengäste quittierten die Rede mit tosendem, langanhaltendem Applaus. Ein Faschingssonntag, der eindrucksvoll zeigte: Herrsching hat ein offenes Ohr für offene Worte.

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Für Sie berichtete Sandra Eichner.

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